MARTIALISCH UND SCHLAU
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Eulenburg einnehmen und ruhte nicht, bis letzterer ihren Hof verlassenhatte und als Ober-Zeremonienmeister zum großen Hof übergetreten war.
In dieser Stellung befand sich Graf August Eulenburg, als Wilhelm II. den Thron bestieg, der zunächst seinen bisherigen Hofmarschall, Herrn Herrvon Liebenau, zum Oberhofmarschall avancieren ließ. Herr von Liebenau von Liebenauwar nach meinem Bruder Adolf militärischer Begleiter des Prinzen Wilhelmgeworden, später sein Hofmarschall. Er hatte den Prinzen Wilhelm aufdie Universität Bonn begleitet und stand ihm während der Potsdamer Dienstzeit beim 1. Garderegiment und bei den Gardehusaren zur Seite.Herr von Liebenau war äußerlich etwas rauher Krieger, er hatte nicht dieAllüren eines Hofmarschalls. Die Hofdamen klagten über seinen „Wacht-meisterton", sie klagten noch mehr darüber, daß er ihnen zuviel Spazier-fahrten und zu häufiges Ermüden der kaiserlichen Pferde verwies. Auchdie Kaiserin fand ihn zu bärbeißig. So mußte Herr von Liebenau gehen, derübrigens trotz seiner martialischen Außenseite ein kluger, in seiner Weisesogar schlauer Hofmann war, der dem Kreise Normann-Stosch-Roggen-bach nahegestanden hatte und zu liberalen Anschauungen neigte. Ich habeöfters beobachten können, daß liberal angehauchte Kammerherren, Adju-tanten und Hofmarschälle den „höchsten Herrschaften" gegenüber nach-giebiger und überhaupt serviler waren als stramme Konservative undechte Junker. Liebenau verließ schwer gekränkt den Hof und zog sich nachWiesbaden zurück, wo er die Schar der verabschiedeten höheren Offiziereund Beamten vermehrte, die in diesem reizenden Badeort am Fuße desNerobergs Betrachtungen darüber anstellten, wie viel besser es um Staatund Armee bestellt gewesen wäre, als sie noch im Dienst waren. Liebenauwurde durch den Grafen August Eulenburg ersetzt, der alle Eigenschaftendes Verstandes und des Charakters mitbrachte, um dem Kaiser wie demHofe und damit, wie die Verhältnisse lagen, dem Lande ernste und ersprieß-liche Dienste zu leisten. In einer für mich unvergeßlichen Unterredung hattemir, wie ich seinerzeit erzählte, im Oktober 1879 Fürst Bismarck gesagt,es gebe manche gute und auch einige kluge Leute, aber wenige, die gleich-zeitig gut und klug wären. Zu diesen seltenen Männern, zu diesen raraeaves gehörte August Eulenburg. Sein Verstand war ebenso klar, scharf undhell wie sein Charakter fest und zuverlässig. Er verlor nie den Kopf nochdie Haltung, weder als Hofmarschall auf dem glatten Parkett des Hofesnoch als Hausminister gegenüber den Stürmen der Novemberrevolution.Er gehörte zu den nicht vielen, denen Wilhelm IL, dem es leider bisweilen anTakt fehlte, nie mankiert hat. Er wußte nach dem Umsturz durch seine vor-nehme und kühle Ruhe auch die demokratischen Parvenüs zu bändigen, mitdenen er über die Vermögensangelegenheiten des königlichen Hauses zuverhandeln hatte. Er sah alles von hoher Warte, nahm das Große groß und