70
NICHT VERSTIMMEN
Wilhelm II. war im Kern eine freundliche, wohlwollende und gutmütigeNatur. Er wollte allen Herren seiner Umgebung wohl, er war immer erfreut,wenn er ihnen eine Freude bereiten konnte. Er war im Verkehr mit ihnenhebenswürdig und sogar gemütlich. Von Knechtschaft im banalen Sinnewar bei der Suite des Kaisers wirklich nicht die Rede. Aber da Widerspruchden Kaiser verstimmte und die allgemeine Losung nun einmal war, derKaiser müsse „in guter Stimmung" erhalten bleiben, so hatte ein großerTeil der Umgebung allmählich auf jede Initiative und bis zu einem ge-wissen Grade auf eine eigene Meinung verzichtet. Von heute auf morgenändert sich aber der Mensch nun einmal nicht. Es wäre ein schreienderMangel an Objektivität, es wäre mehr als ungerecht, wenn ich nicht hinzu-fügen wollte, daß ich weit entfernt bin zu glauben, solche geistige Knecht-schaft existiere nur oder auch nur vorzugsweise an Höfen. Nirgends bestehtsie ausgeprägter als in der sozialdemokratischen Herde. Ein Sozialist, aberein Sozialist von Geist, der Franzose Proudhon , hat gesagt: „Auf meineEhre und mein Gewissen, ich lasse mich lieber regieren von unseren altenKönigen, die Jahrhunderte der Ehre und Wohlfahrt repräsentieren, alsvon Demagogen, die innerlich auf Volk und Staat pfeifen und die demersteren nur schmeicheln, um sich des letzteren zu bemächtigen." UndVoltaire meinte, alles in allem wolle er lieber von einem Löwen regiertwerden, der apres tout ein Herr aus gutem Hause wäre, als von hundertRatten. Wer damals, als wir mit Kaiser Wilhelm IL gen Rußland fuhren,ein solches Ende seiner Regierung vorausgesagt hätte, wie es einundzwanzigJahre später eintrat, der würde auf ebenso ungläubige Gesichter gestoßen seinwie nach dem 22. Kapitel des ersten Buches der Könige der Prophet Micha,der Sohn Jemlas, als er dem Könige Israels Niederlage und Sturz seinesThrones prophezeite. Der König Israels sammelte alle seine Propheten umsich, bei vierhundert Mann, und fragte sie, ob er gen Ramoth in Gileadziehen solle, um zu streiten, oder das lieber anstehen lasse. Alle von ihmbefragten Propheten antworteten Seiner Majestät als gute Höflinge:„Ziehe hinauf, der Herr wird's in die Hand des Königs geben." Nur Micha sprach sich weniger optimistisch aus und erklärte, er sähe im Geist ganzIsrael zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da schlug ihnein höherer Hofbeamter, der Kammerherr Zedekia , auf die Backen, undder König befahl, daß man Micha in den Kerker setzen und mit Brot undWasser der Trübsal speisen solle, bis Seine Majestät sieggekrönt wieder-komme. Er kam aber nie wieder.
Gewiß erfüllten schon in den ersten Regierungsjahren des Kaisers vieleKaiserin und ernste Sorgen manche Herzen. Der grollende Titan in Friedrichsruh Friedrich über machte kein Hehl daraus, daß seine Entlassung und vor allem die Art
•L Q 7.
i ren o n semer Entlassung, die gleichzeitig erfolgte Kündigung des Rückversiche-