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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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MEIN SOHN WIRD DEUTSCHLANDS RUIN SEIN!"

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rungsvertrages mit Rußland und die Begleitumstände dieser Kündigung,daß manche exzentrische Reden und Handlungen des Kaisers und dieganze Regierungsweise des jungen Monarchen ihn mit tiefer Besorgniserfüllten. Als die Kaiserin Friedrich Anfang der neunziger Jahre auf einerReise nach Italien in Palermo weilte, besuchte sie dort meine Schwieger-mutter, Donna Laura Minghetti, die bei ihrem Sohne erster Ehe, demFürsten Paolo Camporeale, in dessen schöner Villa an dem Olivuzze ab-gestiegen war. Beide Damen unternahmen zusammen eine Spazierfahrtnach dem zwischen Palermo und Termini gelegenen, meiner Frau gehören-den, seit Jahrhunderten in dem Besitz der Familie Camporeale befindlichenAltavilla . Der kleine Ort ist stolz auf eine 1277 von dem NormannenherzogRobert Guiscard, dem Eroberer von Sizilien , erbaute berühmte Kirche,La Chiesazza genannt, die ein wundertätiges Madonnenbild birgt. Manüberblickt von der Chiesazza aus ein gutes Stück der Nordküste von Sizilien .Als die verwitwete Kaiserin selbst angesichts der herrlichen Landschaft, dievor ihren Augen lag, den traurigen Ausdruck bewahrte, der ihr seit demTode des Kaisers Friedrich eigen war, frug Donna Laura, ob das herrlicheblaue Meer, das sich vor ihr ausbreitete, der malerische Monte Pellegrinomit der Kapelle der heiligen Rosahe im Hintergründe, die Zitronen- undOlivenbäume, die schlanken Palmen sie nicht auf andere Gedanken zubringen und ihren Schmerz zu lindern vermöchten.Ich trauere nicht alleinum meinen teuren Mann", erwiderte die Kaiserin,ich trauere auch umDeutschland ." Und mit starrem Blick fügte sie hinzu:Denken Sie andas, was ich Ihnen heute sage, Donna Laura: Mon fils sera la ruine del'Allemagne." Entsetzt durch diese düstere Prophezeiung bat undbeschwor Donna Laura, die eine optimistische Natur war und vor allemdie höchste Meinung von deutscher Kraft und Macht hatte, die Kaiserin,sich nicht derartigen trüben Ahnungen hinzugeben. Diese aber wollte ihreProphezeiung nicht zurücknehmen. Lange Jahre trennten uns damalsnoch von der furchtbaren Katastrophe, die im November 1918 überDynastie und Land hereinbrach. Von allen, die in jenen Augusttagen 1897auf derHohenzollern " fuhren, sollten nur zwei, der Kaiser und Generalvon Plessen, einundzwanzig Jahre später an jener Katastrophe handelnd teil-nehmen. Ich selbst war neun Jahre vorher vom Kaiser in völliger Ungnadegeschieden. Graf August Eulenburg war während des ganzen Krieges durchsein Amt als Hausminister an Berlin gefesselt, und so fehlten leider imkritischsten Augenblick der preußischen und deutschen Geschichte seinweiser Rat und sein ausgeglichener und fester Charakter dem Kaiser.Lucanus, Hahnke, Senden waren schon lange von dieser Erde abberufenworden, als in den düsteren Novembertagen 1918 der Zusammenbruch kam,und ich preise sie glücklich, daß sie das Furchtbare nicht mehr zu erleben