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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER BALLSAAL

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so England gegenüber gedeckter da. Die britische Eifersucht gegen jedenMitbewerber auf irgendeinem Punkt der Erde, jener Ausfluß des bekanntenenglischen Standpunkts desdog in the manger" würde dann bis zu einemgewissen Grade von uns abgelenkt werden. Wir wollten an Kiautschoufesthalten, das die Marine mit seinem Hinterland Schantung wohl mitRecht als den für uns geeignetsten Stützpunkt betrachte, hätten aber nichtsdagegen, daß sich die Russen an irgendeinem Punkt der Halbinsel Liautungetablierten, in welche Richtung ja anscheinend ihre Aspirationen gingen.Kaiser Wilhelm war mit diesem Programm, wie ich es skizzierte, durchauseinverstanden und nahm es in keiner Weise übel, als ich ihm sagte, derZar möchte nicht gegenüber dem älteren, erfahreneren, willensstärkerenund bedeutenderen Kaiser bei persönlichem Zusammensein zu sehr in denHintergrund treten, namentlich nicht vor seinen eigenen Untertanen.

Während der nächsten Tage fanden noch wiederholt ähnliche Bespre-chungen zwischen dem Kaiser und mir statt, bei denen sich seine Freund-lichkeit und Güte immer gleich bbeben. Wir waren inzwischen in denFinnischen Meerbusen eingelaufen:

Currit iter tutum non secius aequore classisPromisitque patris Neptuni interitum."

Das Wetter war herrlich, die Ostsee so ruhig wie ein Binnensee, was demKaiser erwünscht war, den leidenschaftliche Liebe zur See erfüllte, deraber wie seine Mutter, die Kaiserin Friedrich, und wie der Admiral Nelson an Seekrankheit litt. Die Kaiserin Friedrich pflegte zu sagen, sie habe eineunglückliche Liebe für die See.

Peterhof lag vor uns. Die Spannung des Kaisers hatte ihren Höhepunkterreicht. Wenn er der Begegnung mit einem anderen Potentaten ent- Ankunft ingegensah oder seinen Fuß auf fremden Boden setzte, so bewegte ihn das Peterhofaus Ungeduld, freudiger Erwartung und einer gewissen Nervosität zu-sammengesetzte Gefühl, mit dem ein junges Mädchen, einen Rosenstraußin der Hand, zum erstenmal den Ballsaal betritt. Wie wird es abgehen?Wie werde ich abschneiden? Sind aber erst einige Rundtänze gut vorbei-gegangen, haben sich beim Kotülon Buketts über Buketts auf dem Stuhlder Glücklichen gehäuft, so überkommt sie das Hochgefühl freudiger Er-füllung der kühnsten Wünsche. In dieser Stimmung war der Kaiser natur-gemäß ausländischer Verführung besonders ausgesetzt. Es überkam ihndann auch wohl eine Empfindung, die, wenn sie auch noch nicht Hybriswar, doch die Grenzlinie zwischen Wunsch und Möglichkeit, Illusion undRealität leicht übersah. Es kam hinzu, daß der Kaiser mit seiner unge-wöhnlichen geistigen Empfänglichkeit und Beweglichkeit sich in jedemLande zu Hause fühlte. Was man von Alcibiades gesagt hat, daß er mit

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