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Katharina II. jener Rosenstrauch einmal eine herrliche Rose getragenhätte. Damit sie nicht abgepflückt würde, hatte die Kaiserin dort einenPosten aufstellen lassen, der nach einem halben Jahrhundert und längernoch immer aufzog. Dem Fürsten Bismarck gefiel dieser Zug russischerSubordination und des mechanischen Gehorsams. Er war, namentlich seitseinem Ausscheiden aus dem Amte, mit seinem Souverän durchaus nichtimmer einverstanden. Er war auch der Meinung, daß dem Jupiter manchesgestattet sei, was dem ,,bos" nicht zieme, und nahm für sich gelegentlich dasRecht weitgehender Kritik in Anspruch. Aber die Demokratie, was mit ihrzusammenhing und an sie erinnerte, w ar dem Fürsten durch Erziehung undJugendeindrücke, nach seinem ganzen Wesen und seiner ganzen Mentalitätunsympathisch, beinahe widerwärtig. Er wollte wohl gelegentlich nachseinem Ermessen und in den von ihm bestimmten Dosen das demokratischeGift anwenden, aber der preußische Staat und das deutsche Volkstum undWesen durften nicht von ihm verseucht werden.
Im Laufe des Tages vereinigten wir uns, Hohenlohe, Murawiew und ich,zu einer Besprechung in dem Salon des Fürsten Hohenlohe, in dem eingroßes Bild des Kaisers Nikolaus I. hing, das hochmütig und streng aufdie Gegenwart herunterblickte. Als Fürst Hohenlohe das Gespräch sogleichauf Ostasien lenkte, unterbrach ihn Murawiew , um ihm freundlich lächelndzu sagen, Kaiser Wilhelm habe dem Zaren in ihrer ersten Unterredung er-öffnet, daß er nicht die Absicht habe, sich in Kiautschou festzusetzen. Erüberlasse diesen schönen Hafen gern seinem russischen Vetter und Freundund bäte nur um die Erlaubnis, daß deutsche Schiffe dort einlaufen undKohlen einnehmen dürften. Der alte Hohenlohe hatte die ausgezeichneteEigenschaft, daß er sich nicht verblüffen Heß. Er war befangen, wenn er vorihm geistig an und für sich keineswegs gewachsenen Volksvertreternsprechen sollte. Bei einer parlamentarischen Debatte war es ihm nichtmöglich, anders zu reden als mit einem Zettel in der Hand, auf dem er sichalles sorgfältig notiert hatte. Seit der Novemberrevolution pflegen bei unsfast alle Minister und Reichskanzler ihre Reden vorzulesen. Dabei passiertes ihnen sogar gelegentlich, daß sie Wörter lateinischen oder gar griechischenUrsprungs falsch aussprechen. Der sozialdemokratische Kanzler Bauer laseinmal eine ihm vom Ministerialdirektor Rauscher, einem typischenNovembersoziabsten, ausgearbeitete Rede vor, in der das Wort „Politiker"vorkam. Mit Nachdruck und Pathos setzte er beim Vorlesen dieses Fremd-wortes den Akzent auf die dritte Silbe. Als Rauscher dem Kanzler ver-zweifelt ins Ohr schrie: „Politiker, Politiker!" replizierte dieser unwirsch:„Was wollen Sie denn, ich habe ja ganz richtig abgelesen." Heute würdeein Kanzler, der in der Art des Fürsten Hohenlohe redete, kein Aufsehenerregen. Vor 25 Jahren war man anspruchsvoller, und darunter litt das