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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER HENKER VON LITAUEN

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Prestige des Fürsten , der, abgesehen von seiner rednerischen Unvoll-kommenheit, so viele ausgezeichnete Eigenschaften besaß. Zu diesen gehörtein erster Linie, daß er sich von seinesgleichen, von Ministern wie von Fürst-lichkeiten, nie imponieren ließ. Souveräne, erwiderte er sogleich demrussischen Minister, wären leicht geneigt, den edlen Regungen ihres groß-mütigen Herzens zu folgen.C'est aux ministres qu'il incombe de mettred'accord ces nobles elans avec les realites politiques et les necessiteseconomiques." Murawiew lächelte und erwiderte, er schlüge vor, daß dieseFrage, wie manche andere, zwischen mir und ihm gründlicher besprochenwürde, als es jetzt möglich wäre. Wir wären alte und gute Freunde undwürden eine Lösung finden.

Später hatte ich eine zweistündige Unterredung mit dem Grafen Mura-wiew . Graf Michael Nikolajewitsch Murawiew, der einige Jahre älter war Gespräch mitals ich, entstammte einem russischen Bojarengeschlecht. Ein Sproß dieser MuraiviewFamilie, Graf Murawiew -Apostol, hatte 1825 zu den Führern der Deka-bristen-Bewegung gehört. Zum Tode verurteilt, sollte er gehängt werden.Der Strick riß, und Murawiew fiel zu Boden. Während der Henker am Galgeneinen neuen Strick befestigte, rief ihm der schwärmerische Jüngling zu:En Russie on ne sait rien bien faire, pas meme pendre." Sehr verschiedenvon diesem Idealisten war der sogenannteHenker von Litauen", der die-selben Vornamen führte wie später der Minister des Auswärtigen. Als 1863während des großen polnischen Aufstands, der Bismarck die Gelegenheitbieten sollte, durch seine stramm antipolnische Haltung sich das VertrauenAlexanders II. für viele Jahre zu erwerben und so die Politik von 1864,1866 und 1870 durchzuführen, die Zustände in Litauen immer bedrohlicherwurden und die Flammen des Aufruhrs bis Dünaburg und fast bis Pskow züngelten, ließ Alexander IL, von Sorge erfüllt, den damaligen Ministerder Reichsdomänen, den Grafen M. N. Murawiew , kommen und beauftragteihn mit der Wiederherstellung der Ordnung in den weiten litauischenGebieten. Murawiew erklärte sich bereit, verlangte aber vollkommen freieHand. Alexander IL, der, bei einer edlen Natur und einem weichen Herzen,wenn an seine Selbstherrschaft gerührt wurde, doch gelegentlich in dasWesen seines Vaters und Großvaters zurückfallen konnte, hatte ob dieserZumutung zunächst einen förmlichen Wutanfall bekommen. Er faßte denGrafen beim Arm und fragte ihn, ob er als Rebell und Hochverräter er-schossen zu werden wünsche. Da der zum Diktator in Aussicht genommeneGeneral aber dabei blieb, daß ein Diktator ohne diktatorische Befugnisseein Unding sei, gab der Zar nach, wie jeder Autokrat nachgibt, wenn erFurcht hat. Vierundzwanzig Stunden später reiste Graf Michael Nikola-jewitsch Murawiew nach Wilna ab. Zum Adjutanten hatte er sich einenjungen Offizier, den späteren Generaladjutanten Alexanders III. , Tscherewin,