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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EINE VERRUSSTE PRINZESSIN

fera un bien enorme ä l'Hellenisme." Als ich dies während des BerlinerKongresses dem Fürsten Bismarck erzählt hätte, habe dieser gemeint:Wir sollen also die Welt in Flammen setzen, nur damit die GriechenLarissa annektieren oder Trikkala oder ein ähnliches Saunest, dessen Namenich nicht einmal kenne."

Ich hatte es vermieden, von mir aus gegenüber Murawiew die ostasiati-schen Fragen anzuschneiden, nachdem Fürst Hohenlohe mit kaum zuüberbietendem Takt die Entgleisung des Kaisers bei seinem ersten Ge-spräch mit dem Zaren eingerenkt hatte. Aus eigenem Antrieb kam GrafMurawiew auf diese Materie mit dem Bemerken zu sprechen, daß er unsereWünsche mit Bezug auf Kiautschou im Hinblick auf unsere großen undzunehmenden Handelsinteressen in Ostasien wie auf unsere Flottenpolitikwohl verstehe. Er neige persönlich zu der Ansicht, daß der Schwerpunktder russischen Interessen mehr auf der Halbinsel Liautung hege. Er könnemir aber vorläufig nichts Bestimmtes sagen, da sich in dieser Beziehung amrussischen Hofe noch verschiedene Strömungen und Wünsche durch-kreuzten.

Am gleichen Tage wurde ich von der Großfürstin Maria Paulowna Großfürstin empfangen. Sie war nicht mehr die blendende Schönheit, als die ich sieMaria { n vergangenen Zeiten gekannt hatte, aber mit ihren 43 Jahren noch immerPaulowna e ^ ne se h r anziehende Erscheinung. Ich empfing bald den Eindruck, daßihre Treue und Anhänglichkeit für ihre deutsche Heimat bei ihr, dermecklenburgischen Prinzessin, nicht mehr so unbedingt waren wie einst.Sie warverrußt". Gleich gebheben war sie sich in ihrer alten Abneigunggegen die regierende russische Kaiserin und dengroßen" PetersburgerHof. Sie hatte Maria Feodorowna nicht gehebt, sie hebte AlexandraFeodorowna ebensowenig, die Hessin sogar noch weniger als die Dänin.Sie klagte über die englische Steifheit der regierenden Kaiserin, durch diediese sich selbst und die ganze Dynastie unbeliebt mache. Der russischenGesellschaft sei nun einmal nichts antipathischer als ein kaltes und un-nahbares Wesen. Die regierende Kaiserin glaube ihren Hochmut und ihreenglish stiffness" dadurch gutzumachen, daß sie einen übertriebenenEifer für die orthodoxe Kirche an den Tag lege, was bei der indifferentenund skeptischen russischen Gesellschaft nur Spott hervorrufe. Überhauptschien mir die Großfürstin nicht unbesorgt hinsichtlich der weiteren Ent-wicklung der innerrussischen Zustände. Im vollen Gegensatz zu der ZeitAlexanders III., unter dessen starker und wuchtiger Hand in Hofkreisenund unter den Upper ten Thousand mit der Möglichkeit eines Umsturzesnur von den wenigsten gerechnet wurde, fiel mir jetzt bei der Großfürstinwie auch bei anderen Damen der Petersburger Gesellschaft, die ich spätersah, sehr auf, daß sie von einer Revolution in Rußland als von etwas wenn