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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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GALADINER IN PETERHOF

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nicht Wahrscheinlichem, so doch durchaus Möglichem sprachen. Wie weitfür den Fall einer solchen Revolution die Großfürstin, wenn nicht für ihrenMann, dessen unbedingte Loyalität sie kannte, aber wenigstens für ihreSöhne an die Rolle dachte, die in Frankreich gegenüber der älteren Linieder Bourbons die Orleans gespielt hatten, will ich dahingestellt sein lassen.Über die deutsche Entwicklung während des letzten Dezenniums sprachdie Großfürstin abfällig und nicht ohne Schärfe. Die Entlassung desFürsten Bismarck sei ein ungeheurer Fehler gewesen. Dieschroffe undplumpe" Kündigung des RückVersicherungsvertrages, an dem KaiserAlexander III., fast das ganze kaiserliche Haus und alle monarchisch undkonservativ gerichteten Leute in Rußland festhalten wollten, wäre einezweite und beinahe ebenso großesottise". In diesem Augenblick trat derGroßfürst ein, hörte die letzten Worte seiner Frau und meinte in seiner gut-mütig-sarkastischen Weise:Pourquoi abreuves-tu de reproches cetexcellent Bülow pour des gaffes, dont il est parfaitement innocent ?"In ernstem Ton fügte er hinzu, daß, wenn sich auch manches im Leben inseinen Folgen nicht wieder reparieren lasse, so bleibe es doch immer ge-boten, to make the best of every thing. Es käme darauf an, in Berlin wie inPetersburg ruhig Blut zu bewahren und keine neuen Ungeschicklichkeitenzu begehen.Du sang froid et de l'habilite, voüä ce qn'il faut."

Am Abend des 7. August fand in Peterhof das übbche Galadiner statt.Vor dem Diner hatte der Zar den Kaiser zum Admiral der russischen Flotteernannt. Es war die Art des Kaisers, daß er solche Äußerlichkeiten durchausau serieux nahm. Er legte in sie einen tieferen Sinn, den die anderen garnicht damit verbanden. Derartige FormaUtäten nahm er viel zu ernst,und bis zu einem gewissen Grade traf auf ihn zu, was Beaumarchais vonden Höfen des Ancien regime sagte, daß sie les choses serieuses avec fri-volite, dagegen les choses frivoles avec serieux nähmen. Wilhelm IL hatteschon bald nach seiner Thronbesteigung das Befremden des Fürsten Bis-marck dadurch hervorgerufen, daß die Ernennung zum englischen Admiral,zum Real Admiral of the Fleet, ihn in helle Begeisterung versetzte. Erexplizierte damals dem großen Kanzler, daß diese Ernennung politisch wiemilitärisch von großer Bedeutung sei. Er habe nun die Möglichkeit und dasRecht, direkt in Bau, Organisation und Leitung der englischen Flotte einzu-greifen. Er könne, wenn er englische Schiffe betrete, sofort das Kommandoüber sie übernehmen. Freilich war der Kaiser weit entfernt, die Rechte, dieer aus einer solchen Ehrenstellung in einer fremden Marine für sich selbstableitete, auch anderen zu konzedieren. Als in späteren Jahren der kaiser-liche Gesandte in Lissabon einmal berichtete, der König von Portugal habesich nach der Bai von Vigo begeben, um als Admiral der engbschen Flotte,welche Ehrenstellung auch er bekleidete, das dort hegende englische