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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
Entstehung
Seite
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DER GEÄNDERTE TOAST

Geschwader zu inspizieren, meinte der Kaiser:Dieser Fatzke! Es handeltsich um eine reine Ehrenstellung, die ihm gar keine Rechte gibt." Dergroße französische Historiker Hippolyte Taine gebraucht in seiner geist-vollen und tiefenPhilosophie de l'art" gern den Ausdruckqualite mai-tresse". Er meint, daß wie ein Volk so auch der einzelne eine dominierendeEigenschaft, einen besonders hervorstechenden Charakterzug hätte. Diequalite maitresse" Wilhelms II. war sein Mangel an Logik. Das machte ihnin der Konversation unterhaltend und oft geistreich, deshalb war er keinPhilister, sondern was die Franzosenprimesautier" nennen. Aber eserschwerte die Geschäfte und eine stetige Führung der PoHtik.

Als der Kaiser seinen Trinkspruch im Palais von Peterhof ausbrachte,stand er unter dem Eindruck der Freude über die Ernennung zum Admiralder russischen Flotte, die ihn schon beseelt hatte, als er dem Zaren Kiau-tschou anbot. Er sprach in seinem Toast von dengnädigen Worten", mitdenen ihn der Zarso liebevoll" willkommengeheißen hätte. Er legte diesemseinentiefgefühltesten, freudigsten Dank zu Füßen" für die überraschendeEinreihung inEuer Majestät glorreiche Flotte". Das sei eine besondereEhrung, die er in ihrer vollen Ausdehnung zu schätzen wisse und die auchseine Marine in besonderer Weise mit auszeichne. Er legte dann inEuerMajestät Hände" daserneute Gelöbnis ab", und dabei stehe, das wisse er,sein ganzes Volk" hinter ihm, daß er dem Zaren seine kräftigste Unter-stützung gegen jeden angedeihen lassen werde, der es versuchen sollte, dasFriedenswerk des Zaren zu stören. Fürst Hohenlohe hatte einen mit mirredigierten Entwurf für den kaiserlichen Trinkspruch Seiner Majestätschon vor unserer Ankunft in Peterhof zugestellt. Der Kaiser aber hattedurch seine Zusätze unser Konzept so sehr verändert, daß der ursprünglicheText kaum mehr zu erkennen war, und schoß ohne nochmalige vorherigeRücksprache mit uns seinen Toast ab. Ähnlich sollte es mir später nur zu oftmit den Entwürfen gehen, die ich Seiner Majestät für seine Briefe an denZaren vorlegte. Der Kaiser war ein hervorragender Redner. Ich bin in denmir bekannten Parlamenten, und namentlich im Deutschen Reichstag,wo die rednerische Begabung seit jeher bescheiden war und seit derRevolution unter das Niveau jeder anderen zivilisierten Volksvertretunggesunken ist, wenigen so wirkungsvollen Rednern begegnet wie Wilhelm II. Er sprach kräftig und packend, ohne je banal zu werden, bilder- undfarbenreich, ohne Schwulst, die Worte formten sich ihm leicht und anschau-lich im Munde, er war nie in Gefahr, den Faden zu verlieren. Welcher Unter-schied mit dem Zaren, der seinen Trinkspruch mit stockender Stimmemühsam von einem großen weißen Blatt vorgelesen hatte!

Nach Aufhebung der Tafel wurden dem Fürsten Hohenlohe, Lucanus und mir im Appartement des Reichskanzlers die Stenogramme der ausge-