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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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RADOLINSKI= EADOLIN

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tauschten Reden zur Korrektur vorgelegt. Ich plädierte dafür, diegnädi-gen Worte" und die Wendungzu Füßen legen" zu streichen, auch denSchluß etwas abzuschwächen, der ein Hieb gegen England sein sollte.Ich wies dabei darauf hin, daß die Rede des Zaren höflich und korrekt,aber farblos und banal gewesen wäre. Lucanus widersetzte sich jederÄnderung der kaiserlichen Worte, die den Kaiser nur unnütz irritierenwürde, und sagte mir, bevor wir uns trennten:Um Gottes willen,fangen Sie nicht gleich damit an, den Kaiser zu verstimmen. Wohin solldas führen?" Ich schwieg, da dies die erste Erfahrung dieser Art war,nahm mir aber vor, in Zukunft ein noch wachsameres Auge auf den Kaiserzu haben.

Während am 9. August in Krasnoje Selo eine große Parade stattfand,an der Kaiser Wilhelm teilnahm, fuhr ich mit Fürst Hohenlohe von Peter- Botschafterhof zu einem Frühstück bei unserem Botschafter, dem Fürsten Radolin, Fürstnach St. Petersburg . Fürst Radolin war rein polnischer Abstammung. ^ a ^ inAls er 17 Jahre alt geworden war, hatte ihn seine Mutter, eine kluge Frau,derselben Familie entsprossen wie ihr Mann, gefragt, ob er Pole bleibenoder Deutscher werden wolle. Sie ließe ihm freie Hand. Er möge aber keinZwitterwesen werden, keine Fledermaus, die in der alten Fabel nicht wisse,ob sie zu den Säugetieren gehöre oder zu den Vögeln. Habe er seine Wahlgetroffen, so müsse er ein ganzer Pole bleiben oder ein ganzer Deutscherwerden. Hugo Radolin entschied sich für Deutschland und ist sich in dieserBeziehung bis zum Schluß seines Lebens treu geblieben. Merkwürdiger-weise, aber bei dem schwachen Nationalgefühl, das uns Deutschen eigenist, nicht verwunderlich, wurde seine zweite Frau, eine geborene GräfinOppersdorf, die Schwester des Renegaten Hans Oppersdorf , der nacbDeutschlands Niederbruch zu den Polen überlief, mit der Zeit zu einerimmer schlechteren Deutschen , halb polnisch und halb französisch. IhreMutter war eine Französin, eine Talleyrand gewesen. Hugo Radolin hatteals preußischer Gesandter in Weimar , in der ersten Hälfte der achtzigerJahre, einmal einer russischen Dame, der in Weimar ansässigen BaroninOlga Meyendorff, die ihn fragte, ob er nicht als Pole einem von Liszt zu Ehrendes Schutzpatrons von Polen , des heiligen Stanislaus, komponierten Ora-torium beiwohnen wolle, die unmutige Antwort gegeben:Sachez, j'execretout ce qui est polonais." Als der sterbende Kaiser Friedrich während der99 Tage den inzwischen zum Ober-Hof- und Hausmarschall avanciertenGrafen Radolinski unter dem Namen Radolin in den Fürstenstand erhob,dankte ihm dieser mit den Worten:Vor allem danke ich Euer Majestät,daß Sie mich von dem verfluchten ,ski' befreit haben." Fürst Radolin warsehr gewandt, ganz Kavalier, eine schmiegsame, etwas nachgiebige Natur,weshalb ihn Fürst Bismarck denPolen mit dem weichen Rücken" nannte.