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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER EINFLUSSREICHSTE MANN IN RUSSLAND

Für einen Diplomaten war er zu empfindlich und übelnehmerisch. Er hattesich als Botschafter in St. Petersburg nicht nur mit einer größeren Anzahleinflußreicher russischer Würdenträger, z. B. mit dem Oberzeremonien-meister Fürst Alexander Dolgoruki, ä mort brouilliert, sondern auch mitder Großfürstin Wladimir. Mit Bezug darauf sagte ihm in meinem Beiseinnach dem Diner in Peterhof Fürst Hohenlohe mit der Lebensweisheiteines vielerfahrenen Weltmanns:Mein Heber Radolin, mit den Damenmuß man sich immer gut stellen, besonders wenn sie hübsch sind, und ganzbesonders wenn sie noch dazu Großfürstinnen sind." Uber denselben Punktmeinte damals die geistreiche Gräfin Kleinmichl zu mir:Pourquoi avez-vous envoye ä St. Petersburg un Polonais qui a tous les defauts des Alle-mands?" Der Deutsche gilt im Ausland fürpikierlich".

Bei diesem Frühstück lernte ich den Finanzminister Witte kennen, derschon damals der einflußreichste Mann in Rußland war. Sohn eines deutsch-baltischen Wachtmeisters, der, aus den Ostseeprovinzen nach dem Kau-kasus verschlagen, dort eine Russin, die Schwester des bekannten Slawo-philen Rastislaw Andrej ewitschFadejew, heiratete, hatte Sergej JuliewitschWitte von seinem deutschen Vater Arbeitskraft und den Trieb, zu lernen,sich auszubilden und damit vorwärtszukommen, geerbt, von der russischen Mutter besaß er die erforderHche Rücksichtslosigkeit und, wo es not tat, dieBrutalität, ohne die in Rußland nie erfolgreich regiert worden ist. Dasrussische Volk ist vielleicht das gutmütigste und in gewisser Beziehung dasweichste aller Völker, aber die Geschichte beweist seit den Tagen derWaräger, daß es nur mit brutaler Faust zu regieren ist und vielleicht auch nurso regiert werden will. In diesem Punkt besteht kaum ein Unterschied zwischender Zeit des Zaren Iwan, des Schrecklichen, in der zweiten Hälfte des 16. Jahr-hunderts, und der Regierungspraxis des Herrn Lenin . Äußerlich war Witteganz Russe, ein großer, stämmiger Mann mit groben, aber intelligentenZügen und eingedrückter Nase. Sein starkes Kinn deutete auf einen star-ken Willen, der breite Mund auf Genußfreudigkeit, der Ausdruck derscharfen Augen war nicht gerade sentimental. Er sprach nur mittelmäßigDeutsch, vielleicht absichtlich, um seine deutsche Provenienz zu verwischen.Er sprach dagegen leidlich Französisch. Er hatte sich von unten in die Höhegearbeitet, was in meinen Augen immer für einen Mann spricht. Er kanntedas Räderwerk der russischen Bürokratie, ihren schwerfälligen und dabeikomplizierten Mechanismus und vor allem das Eisenbahnwesen von Grundaus. Ein Zufall hatte die Aufmerksamkeit der maßgebenden Stellen inRußland auf ihn gelenkt. Als in den Anfängen der Regierung Kaiser Alex-anders III. wieder einmal ein Attentatsversuch entdeckt worden war, vondem die Kunde bis in die Provinz drang, verfaßte Witte im ersten Rauschseiner patriotischen Entrüstung über die immer wieder versuchten Mord-