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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
Entstehung
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WITTES HEIRAT

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anschläge gegen den Zaren eine Denkschrift, in der mit gesundem Menschen-verstand und einem gewissen Mutterwitz Vorschläge für die Organisationvon umfassenden Maßnahmen zum Schutze der geheiligten Person desSelbstherrschers gemacht wurden. Witte sandte diese Denkschrift anseinen Onkel, den General Fadejew, nach Petersburg , und dieser wußte siezur Kenntnis des Großfürsten Wladimir zu bringen. Daraufhin bekamSergej Juliewitsch den Auftrag, nach Paris zu fahren, um die dortigen rus-sischen Flüchtlinge zu überwachen. Er hat mir selbst später in amüsanterWeise erzählt, wie er diese Mission vor allem benutzt hätte, um sich mit denFreuden des Pariser Tag- und Nachtlebens vertraut zu machen, aber auch,um seinen politischen Horizont zu erweitern. Er scheint gut berichtet zuhaben. Von da an war er en vue und avancierte rasch in dem Lande, vondem (wie ich anläßlich meiner Begegnung mit dem Reichssekretär Polowzewim Juli 1884 erzähle) schon vor 150 Jahren ein französischer Beobachtergesagt hatte, daß die Möglichkeit und Leichtigkeit, Karriere zu machen, daszaristische Rußland vor einer allgemeinen Revolution bewahre. Als ichWitte kennenlernte, befand er sich in jener Periode des Lebens, die füreinen ehrgeizigen Mann vielleicht die anziehendste ist.

Wie groß war diese Welt gestaltet,So lang die Knospe sie noch barg!"

Witte war 1897 noch nicht auf der Höhe angelangt, aber die Welt trauteihm zu, daß er die Höhe erklimmen würde. Er war schon berühmt, mandrehte den Kopf nach dem Finanzminister um, und auch der Neid und derHaß hatten sich eingestellt, die Begleiter, aber auch die sichersten Zeugendes Erfolgs. Bei Kaiser Nikolaus stand Witte damals in hoher Gunst, ihrgegenseitiges Verhältnis war noch durch nichts getrübt. Witte genoß auchdas Vertrauen der beiden für den russischen Kredit wichtigsten Bank-häuser, des Hauses Rothschild in Paris und des Hauses Mendelssohn inBerlin. Witte hatte nicht lange vor dem Besuch unseres Kaisers in Peterhof einen großen persönlichen und gesellschaftlichen Erfolg erreicht. Er hatteviele Jahre intime Beziehungen zu einer Dame der St. Petersburger Halb-welt unterhalten, die Mathilde hieß. Als sie ihm eine Tochter schenkte,heiratete er Mathilde, die allgemein für gutmütig galt und namentlich keineGelegenheit vorübergehen ließ, ihren großen Einfluß auf den Minister zumBesten ihrer früheren zahlreichen Verehrer aus den beiden elegantestenRegimentern der russischen Armee, den Gardes ä cheval und den Cheva-liers-Gardes, geltend zu machen, übrigens nur aus Gutmütigkeit, kostenfrei.Nach längerem Sträuben von Seiten der beiden Kaiserinnen war Frau Witteauf Wunsch des Zaren von seiner Mutter wie von seiner Gemahlin empfan-gen worden. Auf jenem Diner bei Fürst Radolin hatte ich eine längere

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