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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER HÖFLICHE ZAR

Unterhaltung mit dem russischen Finanzminister, die den Grund für unserespäteren freundschaftlichen Beziehungen legen sollte.

Am 10. August wurde ich von Kaiser Nikolaus in Audienz empfangen.Audienz Kaum übermittelgroß, schmal, feingliedrig, machte der Zar keineswegsbeim Zaren emen kränklichen, aber doch einen zarten Eindruck. Er war in seineräußeren Erscheinung sehr verschieden von dem massiven Vater Alex-ander III. wie von dem stattlichen, hochgewachsenen Großvater Alex-ander II. Er hatte schöne, etwas melancholische Augen, lange und schmaleHände, eine leise und sympathische Stimme. Er hatte die allerbestenManieren. Man würde ihn, ohne ihn zu kennen, in einem Londoner, Wieneroder Pariser Salon, in St. Moritz wie in Biarritz für einen vornehmenjungen Mann gehalten haben, für einen österreichischen Grafen oder eng-lischen Herzogssohn. Alles an ihm war distinguiert, auch die Art und Weise,wie er seine Umgebung behandelte, mit der er ebenso rücksichtsvoll undhöflich umging wie mit Großfürsten oder mit fremden gekrönten Häuptern.Er trug immer nur Oberstenuniform, welche Charge er bekleidet hatte, alssein Vater starb. Er legte so wenig Orden als möglich an. Wenn KaiserWilhelm IL, der unerschöpflich war in der Erfindung von Medaillen,Aiguilletten und allen möglichen Schnallen, die zur Bekräftigung seinerFreundschaft mit dem Zaren zwischen den beiden Souveränen ausgetauschtwerden sollten, ihm eine solche Dekoration verlieh, so dankte der Zar inverbindlichster Weise und verschloß dann die betreffenden Geschenke desKaisers in einer Schublade, um sie nur hervorzuholen, wenn eine Begeg-nung mit dem deutschen Monarchen bevorstand.

Der Zar ließ mich an seinem Schreibtisch ihm gegenüber Platz nehmen,gab seiner Freude über den Besuch des Kaisers Ausdruck und wiederholtedann, in großen Zügen und ohne sich auf Einzelheiten einzulassen, ungefährAvas mir Graf Murawiew gesagt hatte. Aus seinen Worten sprach das tra-ditionelle Mißtrauen, von dem das russische Kaiserhaus gegen Österreich seit dem Verhalten der Habsburger während des Krimkrieges beseelt war,jenem Verhalten, das nach russischer Version in seiner Undankbarkeit undverräterischen Hinterlist dasgroße Herz" des Kaisers Nikolaus I. ge-brochen hatte. Noch offenherziger äußerte sich der Zar über diekleinenJapaner", denen er sichtlich die Wunde noch nicht verziehen hatte, die ihmwährend seiner Beise durch Ostasien ein japanischer Fanatiker beigebrachthatte. Ganz ehrlich klang die Versicherung des Kaisers Nikolaus, daß erden Frieden gerade so lebhaft wünsche wie Kaiser Wilhelm, von dessenFriedenshebe er überzeugt sei. Von der Friedensliebe der Franzosen schiendagegen der Zar weniger zu halten. Er glaubte offenbar, daß diese seineAlliierten, sobald dies mit einiger Aussicht auf Erfolg möglich wäre, los-schlagen würden. Er werde aber dafür sorgen, daß die Franzosen nicht über