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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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NIKOLAUS DER GLEICHGÜLTIGE

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die Stränge hauten. Deutschland hätte die gleiche Aufgabe gegenüber denÖsterreichern. Für die Balkanvölker empfinde er keine besondere Sym-pathie ; sie hätten Rußland viel Blut und Geld gekostet, ohne daß Rußland wirkbchen Dank und echte Treue geerntet hätte. Die Balkanvölker dächtennur an sich selbst, sie wären durch und durch egoistisch. Aber freilich dürfeRußland als orthodoxe und slawische Macht seine Glaubens- und Stammes-genossen auf der Balkanhalbinsel nicht zu gründe richten lassen.Cespetits peuples doivent etre sages, mais, naturellement, nous ne pouvonspas les laisser ecraser." Uber die innerrussischen Verhältnisse fielen einigeBemerkungen, die zeigten, daß der Zar wenig Lust hatte, Reformen zu be-willigen. Ganz wie Murawiew meinte er, man könne ja an eine allmähbcheAusgestaltung derSemstwos " denken, der Kreis- und Gouvernements-vertretungen, aber ein wirkliches parlamentarisches System würde dasEnde von Rußland bedeuten. Im Gegensatz zu seiner sonst eher gewähltenAusdrucksweise zitierte er das russische Sprichwort:Wenn man ein rein-liches Haus haben will, darf man das Schwein nicht zu Tisch einladen."Der Zar zeigte Interesse für alles, was ich sagte; ich habe ihn auch späteröfters Gespräche, selbst in größerer Gesellschaft, mit höflicher und liebens-würdiger Aufmerksamkeit verfolgen sehen. Und doch hatte ich den Ein-druck, daß eine große, eine sehr große Gleichgültigkeit der Grundzug seinesWesens wäre.L'empereur Nicolas", sagte mir gelegentlich der russische Bot-schafter in Berlin , der alte Graf Osten-Sacken, der vier russische Kaiser ge-kannt hatte,a une indifference qui frise l'heroisme." Diese bis zum Helden-mut steigerungsfähige Gleichgültigkeit zeigte Nikolaus II. bekanntlich auch,als von ihm im Eisenbahnwaggon die Abdankung erzwungen wurde. Möge sieihm auch in der entsetzlichen Stunde treugeblieben sein, wo in dem Kellereines sibirischen Dorfhauses nach Abschlachtung seiner Frau und seinerKinder vor seinen Augen er selbst ermordet wurde.

Aus den Fenstern des Peterhofer Appartements des Zaren, das sich imoberen Teil des Schlosses befand, sah man nicht nur die vergoldete Kuppelder Isaakskirche, sondern auch die lang auslaufende goldene Turmspitzeder Peter- und Paulskirche, wo die Herrscher aus dem Hause Romanow ruhen, nicht weit von den niedrigen, engen, kalten und nassen Kerker-löchern, in denen damals mancher von denen schmachtete, die zwei Jahr-zehnte später das lange für unerschütterlich gehaltene Zarentum stürzensollten.

Nach dem Zaren empfing mich die Kaiserin Alexandra Feodorowna inkurzer Audienz. Sie war die jüngste Tochter der Großherzogin Alice von Bei der ZarinHessen-Darmstadt, der zweiten Tochter der Königin Victoria von England .Bei aller in der englischen Königsfamilie traditionellen und aufrichtigenVerwandtschaftsliebe bestand zwischen den beiden Schwestern Viktoria und7*