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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EINE UNGLÜCKLICHE FRAU

Alice seit jeher eine gewisse Rivalität. Die ältere war Princess Royal ofGreat Britain and Ireland , die nachgeborene war es nicht. Die ältere sollteKönigin von Preußen und Deutsche Kaiserin, die zweite nur Großherzoginvon Hessen-Darmstadt werden. Der Gemahl der Prinzessin Viktoria vonEngland, Kaiser Friedrich , war eine der schönsten und edelsten Erscheinun-gen der deutschen Geschichte, der Großherzog von Hessen ein tapferer,kreuzbraver Mann und gewissenhafter Regent, der aber den Durchschnittnicht überragte. Die Großherzogin Alice war politisch und namentlichkirchlich ebenso frei gesinnt wie ihre Schwester, die Kronprinzessin. DieGroßherzogin hatte aus den Händen von David Friedrich Strauß mitFreuden und mit Dank das Buch entgegengenommen, das der große Ge-lehrte über Voltaire geschrieben und der Großherzogin gewidmet hatte.Da es auf dieser Welt meist Kompensationen gibt, so waren die Töchter derGroßherzogin als Entschädigung für ihren bescheideneren Rang in derfürstlichen Hierarchie schöner als die Töchter der deutschen Kronprinzessin.

Die mit dem Großfürsten Sergej vermählte Großfürstin ElisabethFeodorowna war in der Tat diepräraffaelitische Schönheit", als die sie1884 der Botschafter von Schweinitz in seinem Bericht über ihre Vermählunggefeiert hatte. Die Prinzessin Alix , die nachmalige Zarin, war, wie ihreGroßmutter von England einmal von ihr gesagt hatte, ,,very showy", ihrAusdruck hoheitsvoll, sie war herrlich gewachsen, der vornehmste Gang.Incessu patuit dea. Man würde sie überall auf eine Fürstin, eine wirklicheFürstin taxiert haben. Es sind über diese unglückliche und edle Frau, derenEnde so gräßlich sein sollte, abscheuliche Verleumdungen verbreitet wor-den. Es wurden ihr unnatürliche Laster angedichtet, sie wurde niedrigerIntrigen bezichtigt. Sie soll die Beute eines ordinären Betrügers, des Prie-sters Rasputin , geworden sein. Sie soll auch zu dessen Helfershelferin, derWyrubowa , einer auf derselben Stufe stehenden Russin aus dem Volke,unwürdige Beziehungen unterhalten haben. Ich glaube nicht an dieseSchauermären. Die Kaiserin Alexandra Feodorowna war im abgeschie-denen Darmstadt sorgsam und streng erzogen worden, nach Art kleinerdeutscher Residenzen, höfisch und dabei fast kleinbürgerlich. Sie kannteaußer Darmstadt eigentlich nur den großen englischen Hof, den Hof derGroßmutter, der alten Königin Victoria , um die sich die Prinzen und Prin-zessinnen bewegten wie kleine Planeten um die große Zentralsonne. InDarmstadt wie auch in Osborne und in Balmoral in dem Hause der ehr-würdigen Großmutter wehte eine gesunde, durchaus moralische Luft.

Früh war der Prinzessin Alix gesagt worden, daß sie einmal den rus-sischen Thronfolger heiraten und Kaiserin von Rußland werden solle.Noch ganz jung war siezur Probe" an den Petersburger Hof geschicktworden, wie das seit der Kaiserin Katharina II. mit so vielen deutschen