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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER TÄTIGKEITSDRANG WILHELMS II.

Privatissimum über Flottenpolitik zu halten. An der Hand der von ihmselbst gezeichneten Schiffstabellen, die er dem Reichstag übersandt hatte,vorläufig mehr zu dessen Befremden als -wirklichem Vergnügen oder garwirklicher Uberzeugung, setzte mir der Kaiser auf dem Oberdeck derHohenzollern " stunden- und stundenlang auseinander, wie schwach wirnoch zur See wären und wie notwendig die von ihm und seinem Tirpitz inAussicht genommene Verstärkung unserer Flotte sei. Er gab sich beträcht-liche Mühe, mich mit beständig wiederholten Argumenten für den bevor-stehenden parlamentarischen und publizistischen Kampf auszurüsten.Inzwischen versandte die Sonne glühenden Brand, kein Lüftchen regte sich,glatt wie ein Spiegel lag die Ostsee . Um dem Kaiser und mir überflüssigenZeit- und Kräfteverbrauch bei drückender Hitze zu ersparen, wies ich dar-aufhin, daß ich seit Jahren von der Notwendigkeit ausreichenden Schutzesfür die von uns dem Meere anvertrauten Milliarden und Volkskräfte über-zeugt wäre et qu'il prechait un converti. Aber er ließ sich nicht irremachen.Es lag in der Natur des Kaisers, daß, wenn ihn eine Sache interessierte, erselbst mit Hand anlegen wollte.

Er war von Haus aus eine tätige und leistungsfähige Natur. Dieser ihmvon der Natur verliehene schöne Trieb war durch seinen Erzieher, den Pro-fessor Hinzpeter, noch in jeder Weise gefördert und verschärft worden.Hinzpeter hatte sich bei der Erziehung des künftigen Königs und Kaisersdie Persönlichkeit eines besonders tüchtigen und verdienstvollen thüringi-schen Fürsten aus der Vergangenheit zum Vorbild genommen. Der Namedieses Regenten ist mir entfallen: Johann Friedrich der Großmütige oderErnst der Fromme oder ähnlich. Jedenfalls war es ein Fürst gewesen, derüberall eingegriffen, jederzeit nach dem Rechten gesehen und nie gefehlthatte, wo etwas los war. Ihn sollte sich der junge Prinz Wilhelm zum Vor-bild nehmen und es einst ebenso machen. Hinzpeter hatte nur vergessen,daß die Verhältnisse in einem kleinen thüringischen Herzogtum des 16. oder17. Jahrhunderts wesentlich verschieden waren von denen unserer heu-tigen Zeit. Bei dem Naturell des Kaisers und angesichts der Unmöglichkeit,in der sich heute selbst ein Friedrich der Große oder Napoleon I. befundenhätte, alles persönlich zu übersehen und zu bestimmen, konnte der Tätig-keitsdrang Wilhelms II. leicht mehr Unheil anrichten als Gutes schaffen.Ich weiß nicht, welcher französische Historiker von dem Fürsten Talley-rand gesagt hat, que sous Napoleon Ier dont l'activite exageree etaitdevenue un fleau, le prince de Talleyrand avait eleve la paresse ä la hauteurd'une vertu. Man hat mir nie Unfleiß vorwerfen können, ich bin auch weitdavon entfernt, Wilhelm II. mit Napoleon I. zu vergleichen oder mich mitTalleyrand. Aber richtig ist, daß die übertriebene Aktivität Wilhelms II.ihre großen Gefahren hatte. Miquel drückte sich darüber in einer melan-