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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER EINSEGNUNGS-TOAST

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Leibniz zutraf: Es gebe wenige Menschen, die alles wüßten, aber viele, diealles besser wüßten.

In beinahe grausamer Weise führte Hinzpeter die starke Neigung desKaisers, durch den Schein zu wirken und ihn für Wirklichkeit zu nehmen,auf seinen seit seiner Geburt verkrüppelten Unken Arm zurück. Schon alsKind habe er, namentlich von dem Prinzen Friedrich Karl, der roh seinkonnte, häßliche Äußerungen gehört, daß ein Einarmiger nicht König vonPreußen werden dürfe. Das habe in ihm das Bedürfnis erzeugt, durch einmöglichst forsches Auftreten nach außen, durch Uniformen und Orden,durch den baumlangen Leibgardisten hinter sich und den vorgestrecktenMarschallstab in der Rechten auf Truppe und Volk zu wirken. Dies Urteilist ungerecht. Zu dem vielen, was nicht nur sympathisch, sondern achtungs-und selbst bewunderungswürdig an Wilhelm II. war, gehörte die Energie,mit der er, ohne seinen unbrauchbaren linken Arm irgendwie zu verstecken,die durch ihn verursachten Schwierigkeiten meisterte. Hinzpeter hatteeinen bissigen Humor. Anläßlich der Einsegnung eines jüngeren Sohnesdes Kaiserpaares fand im kaiserlichen Schloß ein Diner statt, bei dem derKaiser einen Toast ausbrachte, der mit einem feurigen Bekenntnis zuunserem Herrn und Heiland schloß. Nach Tisch meinte Hinzpeter zu mir:Ich dachte schon, der kaiserliche Toast würde mit den Worten schließen:,Unser Herr Jesus Christus, hurra, hurra, hurra!"' Hinzpeter äußerte sichbisweilen so scharf über den Kaiser, daß ich, der ich die submissen Briefekannte, die er an den Kaiser richtete, manchmal den Eindruck hatte, erspiele die Rolle eines Agent provocateur. In einem Punkt war sein Einflußauf den Kaiser zweifellos kein günstiger gewesen. Hinzpeter war taktlos.Bald nach der Thronbesteigung des Kaisers erschien sein BuchKaiserWilhelm II." , das ungefähr mit den Worten anfing: Der junge Kaiser, dereine Mischung von hohenzollerischem Egoismus mit weifischem Eigensinnsei, wäre nicht leicht zu erziehen gewesen. Als sie diese Worte aus dem Mundeeines Prinzenerziehers und Geheimrats vernahm, lief der ganzen altenGeneration in Berlin ein Schauer übern Leib, wie dem armen Gretchen,dem es in seinem Stüblein so schwül, so dumpfig wird und die dann dasunvergängliche Lied vom König von Thüle leise singt. Die Alten überkameine Vorahnung der Taktlosigkeiten, die uns bevorstanden, nachdem wirfast dreißig Jahre lang durch den taktvollsten aller Fürsten, Wilhelm L,verwöhnt worden waren.

Als wir am 14. August 1897 wieder in Kiel eintrafen, war mein Privatis-simum in nauticis zur Zufriedenheit des Kaisers beendigt, und er forderte Nachmich auf, baldmöglichst nach Wilhelmshöhe zu kommen, wohin er auch WilhelmsTirpitz befohlen habe. Ich erledigte so rasch als möglich die in Berlin auf hohemich wartenden Geschäfte und begab mich nach dem alten Schloß, das