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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER GROSSADMIRAL

sich die hessischen Kurfürsten am Habichtswald in einem großartigen Parkmit herrlichen Wasserkünsten errichtet haben.

Ich habe in Wilhelmshöhe immer besonders gern geweilt. Nicht nurwegen seiner landschaftlichen Schönheit, sondern auch weil dies Schloßwie kaum ein anderes zum Nachdenken über die Wechselfälle der deutschen Geschichte, ihre Gipfel, aber auch ihre Abgründe auffordert. Hier hattenach der Schlacht von Sedan, dem Höhepunkt der neueren deutschen Ge-schichte, Napoleon III. als Gefangener während sieben Monate von Seitenunseres alten Kaisers die ritterlichste Behandlung, von Seiten der KaiserinAugusta fast übertriebene Aufmerksamkeiten erfahren. Hier hatte aberauch sechzig Jahre früher König Jerome mit seinen Favoritinnen getändelt,die leider zum Teil aus dem deutschen Adel hervorgegangen waren, hiersoll er in Rotwein gebadet haben, hier hatte er abends seine Hof leute mitden berühmten Worten entlassen:Morgen wieder lustik!" Und diesesSchloß war von den hessischen Kurfürsten erbaut worden mit dem Sün-dengeld, das sie schmählicherweise durch den Verkauf ihrer Landeskinderan das in Nordamerika kriegführende England verdient hatten. FriedrichKapp , gleichzeitig Flüchtling von 1848 und Vater des Regisseurs jenesPutsches von 1920, der die völlige politische Direktionslosigkeit seinesUrhebers bewies, aber auch den Regierenden der jungen Republik Gelegen-heit bot, sich durch ihre überstürzte Flucht nach Stuttgart lächerlich zumachen, hat über den Soldatenhandel der deutschen Fürsten ein gutesBuch geschrieben. Ich habe es dem Kaiser gelegentlich zu lesen gegeben,um ihm zu zeigen, wie tief deutsche Fürsten sinken konnten. Er las dasBuch mit Interesse und mit aufrichtiger Entrüstung.

Vor mir war schon Admiral Tirpitz in Wilhelmshöhe eingetroffen. DerTirpiiz Großadmiral von Tirpitz gehört zu den bedeutendsten Männern, die mir imLeben begegnet sind. Schon seine äußere Erscheinung war imposant. SeineGegner, und es fehlte ihm nicht an Gegnern, behaupteten, daß, wenn manihm seinen großen und langen Bart abnähme, alle Welt zurückschreckenwürde vor der Häßlichkeit seiner Züge und seines Ausdrucks. Ich enthaltemich in dieser Beziehung jedes Urteils, da ich Tirpitz nie ohne seinenmächtigen Bart gesehen habe und auf allen Gebieten nicht viel von Kon-jekturalpolitik halte. So wie Tirpitz war, lenkte er jedenfalls die Aufmerk-samkeit auf sich. Der hochgewachsene, breitschultrige Mann mit dem ruhi-gen und festen Ausdruck seiner bedeutenden Augen würde nie und nirgendsunbeachtet gebheben sein. Er hatte den Gang des Seeoffiziers, der auchauf dem Festland die Gewohnheit verrät, sich bei schwankender See inGleichgewicht zu halten. Selbst in einem Volk, das wie das deutsche Volkso starke Anlage und so regen Trieb zum Organisieren hat, war der Admiralvon Tirpitz ein Organisator von ungewöhnlichem Maß. Er war großer