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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER EIFER FÜR DIE FLOTTE

daß die Dinge immer nur so oder so lägen. Sie liegen aber häufig bald so,bald so oder auch so und so. Er ging zu oft davon aus, daß es nur zwei Wegegäbe. Es gibt dazwischen aber gewöhnlich noch Mittelwege, die vorüber-gehend oder auch dauernd einzuschlagen nützhch sein kann. Diese Fehlerdes Admirals sind die gewöhnlichen Fehler ausschließlich militärischenDenkens, was zu der Annahme führen könnte, daß ein guter Militär schwerein guter Diplomat und erfolgreicher Staatsmann sein wird und um-gekehrt. Gerade die Eigenschaften, die für den Feldherrn unentbehrlichsind, können dem Pohtiker und Diplomaten sehr gefährlich werden, unddie Mittel, mit denen der Diplomat meistens seine Erfolge erzielt, werdendem Militär leicht zum Verderben. Tirpitz eignete sich auch deshalb nichtfür die Leitung oder Beeinflussung der auswärtigen Politik, weil seine beialler äußeren Ruhe leidenschaftliche Natur dazu neigte, nach Sympathieund Antipathie zu urteilen und zu handeln. Es fehlte die kalte Ruhe, dieeisige Kühle, die, losgelöst von Liebe und Haß, nur das im entscheidendenMoment für das Land Opportune im Auge hat. Das führte ihn gelegentlichzu unzutreffenden Urteilen und Betrachtungen nicht nur über Dinge,sondern auch über Menschen, z. B. über unseren Botschafter in London ,den Grafen Paul Metternich . Das führte ihn auch gelegentlich zu Illusionenüber Rußland und selbst über Frankreich , bei denen er nach einem Rück-halt gegen das ihm vor allem verhaßte Albion suchte.

Wenn sich Caprivi in der Zeit desneuen Kurses" und Bethmann Hollwegnach meinem Rücktritt in den Gedanken verbohrt hatten, der Krieg mit Ruß-land sei unvermeidlich, so war der überlegene Geist des Großadmirals von einersolchen Betrachtungsweise weit entfernt. Gewiß bestanden in England wie inRußland gegen Deutschland sehr üble und sehr gefährliche Stimmungen,viel Neid und großer Haß. Es war durchaus richtig, daß wir stets auf demQui vive sein mußten, wie das schon Friedrich der Große seinem Nachfolgereingeschärft hatte. Aber ebenso bemüht mußten wir nach 1871, nach derWiedererrichtung des Reichs sein, unseren Gegnern nicht die Flanke zubieten, sondern mit Würde und mit Geschicklichkeit einem großen Kriegeauszuweichen. Das erwartete Tirpitz von mir als dem Leiter unserer aus-wärtigen Politik. In meinen dahin gehenden Bemühungen unterstützte ermich, soweit dies sein Eifer für die Marine zuließ. Die Voraussetzung für dievon mir für richtig gehaltene, feste, zielbewußte und dabei doch vorsichtigePolitik war, daß wir einen Konflikt, sei es mit England, sei es mit Rußland ,nicht von vornherein für ganz unvermeidlich hielten. Die Fatalitäts-theorie und jedes Anerkennen der Zwangsläufigkeit lähmt die Energie,schläfert die Ressourcen des Willens und des Geistes ein und führt schließ-lich die Stimmung herbei, in der der Kolibri der Schlange ins giftige Maulfliegt. Das sollte im Unheilssommer 1914 unser Fall sein.