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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE VERHINDERTE SEESCHLACHT

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Tirpitz schrieb vortrefflich: klar, logisch, überzeugend. Er sprach nichtso gut. Seine Stimme war leise, wie ich glaube infolge asthmatischer Be-schwerden, wegen deren er auch die reine Luft des Schwarzwaldes aufzu-suchen pflegte, wo er in St. Blasien ein Häuschen besaß. Dieser mächtigeMann sprach ohne Schwung, und dieser feine Geist sprach ohne Ironie,wo doch Pathos und Sarkasmus die großen Vehicula des Redners sind.Deshalb und auch weil Tirpitz die eigentliche politische Begabung fehlte,hat später seine Schöpfung und Leitung des Vaterlandsvereins bei denallerbesten Absichten mehr geschadet als genützt. Ich habe Tirpitz vomersten bis zum letzten Tage meiner Amtsführung persönlich und politischunterstützt, was er auch bei meinem Rücktritt in einem an mich gerichteten,herzlichen Schreiben in warmer Weise anerkannte. Nach unserem zu späterfolgten, aber ruhmvollen Seesieg bei Skagerrak antwortete der Groß-admiral auf meinen Glückwunsch, mein Anteil an diesem Sieg sei so großwie sein eigener. Ich habe den Staatssekretär nicht nur aus persönlicherFreundschaft unterstützt, auch in der Überzeugung, daß ich damit meinePflicht dem Vaterland gegenüber erfüllte und dem deutschen Volke nützte.

Wäre die deutsche Flotte, das ist meine feste Überzeugung, sogleichnach dem Beginn des Krieges, im August 1914, eingesetzt und gegenden Feind geschickt worden, so würde nicht nur Deutschland sich in ganzanderer Lage befinden als heute, auch das Urteil über Tirpitz würde beivielen anders lauten. Die unselige Scheu des Kaisers, seine Lieblinge, seineihm ans Herz gewachsenen Riesenschiffe aufs Spiel zu setzen, die Servilitätund Weichheit des damaligen Chefs des Marinekabinetts, des AdmiralsMüller, und endlich die Verblendung von Bethmann, dessen leitender Ge-danke es war, auch nachdem der Kampf auf Leben und Tod entbrannt war,ein Kampf, der zu vermeiden war, der aber, einmal entbrannt, mit vollerKraft geführt werden mußte, nur nicht die Engländer zureizen", verhin-derten die Seeschlacht, die im richtigen Augenblick nach der Ansicht dergroßen Mehrheit unserer Marineoffiziere gute Chancen bot. Ein mir be-freundeter italienischer Offizier, der, von Geburt Amerikaner, Englisch wieein Engländer spricht, erzählte mir gelegentlich, er habe 1918 oder 1919in New York einem großen Festessen beigewohnt, das amerikanische See-offiziere englischen Kameraden gaben. Man unterhielt sich ungeniert vormeinem italienisch-amerikanischen Freund, den man für einen unverfälsch-ten Amerikaner hielt, und er beobachtete, wie zwischen englischen undamerikanischen Seeoffizieren Übereinstimmung darüber bestand, daß,wenn Deutschland sofort nach Eröffnung der Feindseligkeiten im August1914 seine ganze Kriegsflotte für einen großen Vorstoß eingesetzt hätte, derKrieg eine andere Wendung genommen haben würde. Soviel ist sicher:Schlimmer, als es der Flotte und uns mit der Taktik des Herrn von Beth-