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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER FLOTTEN-SCHARNHORST

mann, des Herrn von Müller und leider auch des Kaisers ergangen ist, mitjener Taktik, die zu der entsetzlichen Schmach der Auslieferung unsererFlotte führte, konnte es für uns nicht kommen. Darum kann kein DeutscherdieErinnerungen" von Tirpitz, die er mit seinem Herzblut geschriebenhat, ohne tiefe Bewegung lesen. Wäre Tirpitz zu Beginn des Krieges nichtdurch die Eifersucht und Kleinlichkeit der einen, die Schwäche der an-deren und durch unseligen Irrtum des Kaisers lahmgelegt und von jedemEinfluß auf die Leitung und Einsetzung der Flotte ausgeschaltet worden,so wäre vieles anders gekommen, und er würde als der Scharnhorst unsererFlotte dastehen.

Das Schicksal des Admirals von Tirpitz ist tragisch, wie sein Buch überden Krieg tragisch ist und wie vor allem das Schicksal des deutschen Volkes, das Schicksal unseres Vaterlandes eine der größten Tragödien derWeltgeschichte ist und bleibt. Aber trotz des schließlichen, unter so schauer-lichen Begleitumständen erfolgten Untergangs der Flotte wird das deutscheVolk ihre früheren Heldentaten, wird es die Schlacht am Skagerrak unddie Schlacht bei den Falklandsinseln, den Grafen Spee mit seinen beidenSöhnen, Otto Weddigen und sie alle, die auf den U-Booten fuhren undkämpften, nie und nimmer vergessen. Sie werden fortleben im Herzenunseres Volkes wie die Helden der deutschen Sage, wie Siegfried und Ro-land, wie die Heroen unserer frühsten Geschichte, wie Totila und Teja undder Cherusker. Und auch Tirpitz wird in der deutschen Geschichte fort-leben. Daran werden die Schmähungen nichts ändern, mit denen er nachseinem Rücktritt überhäuft worden ist. Die Angriffe eines entgleistenMarineoffiziers wie des Kapitäns Persius werden vergessen werden, ver-gessen wie der Tadel und die Schmähungen des freisinnigen AbgeordnetenPeter Struwe, Dr. med., Arzt für Haut- und Harnleiden in Kiel , der seinenautischen Kenntnisse auf Spaziergängen am Kieler Hafen erwarb und ausGesprächen mit Matrosen und Marineinfanteristen, die von den Pfeilender Venus getroffen, bei ihm ärztliche Hilfe suchten. Und erst recht werdendie plumpen und dabei albernen Angriffe vergessen werden, die wie gegenLudendorff so auch gegen Tirpitz Professor Dr. Hans Delbrück richtete,der schon in jungen Jahren wegen seiner Takt- und Direktionslosigkeit vonseinen Freunden ,,Hans Taps" genannt wurde. Von ihm sagte mir, nachdemDelbrück durch sein verbohrtes Eintreten für den Bet- und Unglücksmann,auch nachdem dessen Unzulänglichkeit klar zutage getreten war, wie füralle polnischen Raubpläne die vaterländischen Interessen wie kaum einanderer geschädigt hatte, der verewigte Abgeordnete Bassermann, ernenne Hans Delbrück nur nochHans-Narr". Alle werden sie längst ver-gessen sein, wenn der Name Tirpitz noch immer deutsche Herzen rührenund ergreifen wird.