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DIE SÄULE DER UNGNADE
ohne Schärfe ausgetragene Meinungsverschiedenheiten üher Maß undUmfang unserer SchifFsbauten zwischen mir und Tirpitz nichts geändert.Jedenfalls flöße er mir mehr Vertrauen ein als mancher andere, der mitdem Munde Größeres leiste als Tirpitz, aber weniger mit der Hand und nochweniger mit dem Kopf. Gereizt durch diese Anspielung auf einen von ihmbevorzugten, Tirpitz feindlich gesinnten Admiral, der wahrscheinlich gegenden Staatssekretär gehetzt hatte, repbzierte der Kaiser ziemlich erregt:„Sie wollen mich nicht genötigt haben, Tirpitz zu behalten? Mit geballterFaust haben Sie mich dazu gezwungen." Ich hatte es mir zur Regel ge-macht, um so ruhiger zu bleiben, je lebhafter der Kaiser wurde. Ich er-widerte also respektvoll, aber bestimmt: Es sei wohl möglich, daß ich SeinerMajestät gelegentlich in der Diskussion zu lebhaft widersprochen hätte.Auch hätte ich den Fehler, den meine Frau mir gelegentlich vorhielte,daß ich in der Konversation anderen ins Wort fiele. Aber eine derartig un-ziemliche Haltung, wie sie der Kaiser mir vorwürfe, sei nicht meine Art.Der Kaiser drehte sich um, schüttelte mir die Hand und ging lachend weiter.Er hatte eine ungewöhnliche Gabe, im persönlichen Verkehr Entgleisungenwieder einzurenken und Verstöße wiedergutzumachen. Er war auf dieLänge etwas ermüdend, aber sehr gutherzig, und vor allem die Natür-lichkeit selbst. Das war doppelt angenehm in einem Lande, wo leider nichtwenige unnatürliche, steife und gezierte Menschen herumlaufen.
Nach meinem Rücktritt haben die Beziehungen zwischen dem Kaiserund Tirpitz noch manche ,ups' und ,downs' durchgemacht. Nicht lange vordem Weltkrieg äußerte der Kaiser zu einem mir befreundeten Bundesrats-vertreter: „Ein Tirpitz ist zehn Bethmänner wert." Im Weltkrieg trübtesich das Verhältnis immer mehr, und schließlich wurde Tirpitz nach fastzwanzigjähriger Ministertätigkeit in vollster Ungnade entlassen, weil seinVerhältnis zum Kaiser, wie der Admiral aus der Umgebung Seiner Majestäthörte, „als unwiederherstellbar" betrachtet wurde. Tirpitz war nicht dereinzige Minister Wilhelms IL, dem dieses Schicksal widerfuhr. Prinz Hein-rich von Preußen , der Bruder Friedrichs des Großen, errichtete im Schloß-park von Rheinsberg eine Säule, auf die er die Namen derjenigen ein-gravieren Heß, die von seinem Bruder, dem König, nach der Ansicht desPrinzen ungerecht behandelt worden waren. Wenn für die Opfer der Un-gnade Wilhelms II. eine Säule errichtet werden sollte, so würde sie nochviel mehr Namen tragen. An der Spitze stünde der große Name des FürstenBismarck; die Namen von Caprivi, von Waldersee, von Miquel, von Tirpitz,von Bronsart von Schellendorf , unserem besten Kriegsminister seit Roon,von Ludendorff , von manchen anderen würden folgen, und auch meinName würde nicht fehlen dürfen. Wir alle sind von Wilhelm II. teils vor-übergehend, teils dauernd als „Verräter" bezeichnet worden, obwohl es in