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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE DEUTSCHE MARINE

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Deutschland keinen zurechnungsfähigen Menschen gibt, der nicht davonüberzeugt wäre, daß, wenn auch gewiß der eine oder der andere der Ge-nannten in dieser oder jener Frage geirrt hat, sie doch alle keine andereRichtschnur kannten als das Wohl des Staates, der Dynastie und desKaisers selbst.

Die dem Reichstag zu unterbreitende Flottenvorlage wurde 1897 inWilhelmshöhe von dem Kaiser, Tirpitz und mir eingehend durchgesprochen, Dieteils ä trois, teils auch in Einzelgesprächen zwischen dem Kaiser und mir Flottenvorlageund zwischen mir und dem Staatssekretär des Reichsmarineamts. Tirpitzlegte uns die Grundzüge der Marinevorlage dar, die einige Monate späterveröffentlicht werden sollte. In der Vorlage sollte betont werden, daß dieverbündeten Regierungen nicht uferlose Flottenpläne verfolgten und eben-sowenig die Rechte des Reichstags verletzen wollten. Unser Ziel sei, ingemessener Frist eine deutsche Marine zu schaffen, leistungsfähig undstark genug, um die Seeinteressen des Reichs wirksam zu vertreten.Aus dieser Vorlage wehte ein ganz anderer Wind als aus allen früherenMarinevorlagen. Aus ihr sprach ein klarer Geist und ein starker Wille. Dasganze Projekt wie seine einzelnen Bestimmungen waren aus einem Guß.Es war vorläufig nur ein Projekt, aber ein Plan, der große, sehr große undweite Horizonte eröffnete. In diesen Horizonten, in dieser Projektion aufdie Zukunft lag die Größe, aber auch die politische Gefahr der TirpitzschenMarinevorlage. Ich wiederholte dem Admiral und ich betonte nochmalsgegenüber Seiner Majestät, ich zweifelte nicht daran, daß man dem deut-schen Volk in seiner großen Mehrheit die Notwendigkeit einer Verstärkungunserer Flotte werde klarmachen können. Ich sei auch überzeugt, daß einrichtiges Auftreten und Sprechen der Regierung in Kommission undPlenum den Reichstag mit fortreißen würde. Ich hätte noch keine parla-mentarische Erfahrung, aber mein Gefühl sage mir, daß die Vorlage imReichstag durchgehen würde. Zweifelhafter wäre mir, ob England uns dieMöglichkeit und die Zeit lassen würde, die weitausschauenden und weit-reichenden Pläne des Admirals Tirpitz durchzuführen. Hier hege derKnotenpunkt der ganzen Frage und unserer ganzen Lage. Schon vor vielenJahren, vor fast einem halben Jahrhundert, habe unser alter Ernst MoritzArndt , gewiß ein treuer Patriot, geschrieben:Welche dreifache Eifersuchtwürde England sogleich offenbaren, wenn Deutschland jemals in die würdigeStellung kommen könnte, nur den Anfang einer Seemacht zu bilden!"Wir dürften uns nicht in die Abhängigkeit von England begeben, dennwenn wir uns ganz an England bänden, würde dieses uns nicht gestatten,unsere wirtschaftliche Entfaltung, die den britischen Vetter schon sehrstark beunruhige, durch einen Stacheldraht zu schützen, der uns ihm gegen-über selbständig mache. Wir dürften England weder provozieren noch uns