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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EIN RITTER DES MITTELALTERS

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anlassen, bisher wenig Erfolg gehabt hatten. Es war alles an ihm ab-geglitten wie Wasser am Entenflügel, um eine Bismarcksche Wendung zugebrauchen. Oder noch besser, um mit Goethe zu sprechen, der Seidenwurmließ sich das Spinnen nicht verbieten.

Am 1. September traf ich mit dem Kaiser in Würzburg wieder zusammen.Hier sollte die große Herbstparade des 2. Bayrischen Armeekorps statt-finden. Die alte Bischofsstadt, im Norden überragt von der Feste Marien-burg, anmutig an den Ufern des rebhügelumkränzten Mainstroms hinge-lagert, bot mit ihrer prachtvollen, von dem genialen Pinsel eines großenitalienischen Meisters, des Tiepolo, geschmückten Residenz, die Napoleon I. nicht ohne Malicela plus belle eure de FEurope", das schönste Pfarrhausin Europa , genannt hatte, mit ihren Adelspalästen von feiner Kultur einenstimmungsvollen Rahmen für die Begegnung des Kaisers mit dem ehr-würdigen Regenten Bayerns, der in Würzburg das Licht der Welt erblickthatte und besondere Anhänglichkeit für seine Vaterstadt empfand. DerPrinzregent Luitpold, der damals schon im 76. Lebensjahr stand, aber nochfünfzehn Jahre leben sollte, schaute aus wie ein aus seinem Rahmen zurErde gestiegener Ritter des Mittelalters. Wer ihn ansah, konnte sich un-gefähr vorstellen, wie im 12. oder 13. Jahrhundert ein fränkischer, bayri-scher oder schwäbischer Herzog sich'ausnahm. Er sah immer gleich vor-nehm aus, ob er als Großmeister des Ordens vom heiligen Hubertus inprächtigem Kostüm mit dem achtstrahligen silbernen Bruststern und ge-schmückt mit der goldenen Ordenskette aus Schilden, auf denen ab-wechselnd der heilige Hubertus und der Hirsch zu sehen waren, mit demdunkelrot und grün geränderten Bande des schon 1444 von Gerhard V.von Jülich und Berg gestifteten Ordens auftrat oder in einfacher Jagdjoppeden Spessart durchstreifte. Unter den vielen deutschen Fürsten , die demSchutzpatron der Jäger gehuldigt haben, war Prinzregent Luitpold wohleiner der eifrigsten Verehrer jenes Heiligen, den der mit einem Kreuzzwischen dem Geweih geschmückte Hirsch von der Jagd und aus der Weltins Kloster rief. Die Jagd regulierte das Leben des Prinzregenten. Erwidmete ihr den größten Teil seiner Wochentage, am Sonntag besuchte erdie Messe und erledigte dann am Nachmittag die Geschäfte. Diese wurdendarum in keiner Weise schlecht wahrgenommen. Prinzregent Luitpold hatteungewöhnlich tüchtige Minister, die sich nicht nur durch Fleiß und Be-gabung, sondern auch durch lange Amtsdauer auszeichneten.

Drei von ihnen, Graf Crailsheim , Herr von Riedel und Graf Feilitzsch,waren an dreißig Jahre im Amt. Der Prinzregent ließ seinen Ministern freieHand, war aber weit davon entfernt, sich von ihnen abhängig zu machen.Er war von tiefer Religiosität erfüllt, hielt aber die Geistlichkeit in wohl-bemessener Entfernung, stand straff auf dem Boden der Parität und hatte