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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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120ALLE MEINE MINISTER FORTGESCHICKT"

in kirchlichen Fragen 'wirkliches Vertrauen nur zu dem von ihm als Freundbehandelten Stiftsprobst von Türk, der alljährlich am Gründonnerstag dieBeichte des alten Herrn hörte. Auch dem Heiligen Stuhl gegenüber vertrater, aller persönlichen Deferenz ungeachtet, die Hoheitsrechte seines Hausesmit Nachdruck, was deutlich in einem Handschreiben zum Ausdruck kam,in dem er die vertrauliche Anregung des Papstes Pius X. zur Vornahmegewisser Verfassungsänderungen strikte ablehnte. Als der Minister GrafPodewils , dem er besonders gewogen war, sich politisch festgefahren hatte,entließ er ihn mit demselben Gleichmut, mit dem er einen Jäger hätte gehenlassen, der ihn auf einem seiner Jagdgründe einen falschen Weg geführthätte. Am Abend des Tages, wo Graf Podewils gegangen und nicht gerngegangen war, Heß sich der alte Prinzregent einmal wieder die Hühneraugenschneiden. Als der biedere Münchner, der mit der Pflege der alten Füßedes inzwischen neunzig Jahre alt gewordenen Fürsten betraut war,ihn frag, wie es ihm ginge, antwortete ihm dieser:Gut geht's mir! Ichhabe heute alle meine Minister fortgeschickt. Und da sagen die Leut,ich würde alt!"

Der Prinzregent hatte einen eisernen Körper. Er badete täglich kalt,und im Winter mußte im Teiche des Schlosses Nymphenburg ein Loch insEis gehauen werden, damit er dort sein Bad nehmen konnte. Es kam vor,daß er, stark von der Jagd erhitzt, auf einer ein- oder zweistündigen Rück-fahrt bei rauhem Herbstwetter und strömendem Regen jede Umhüllung,Mantel oder dergleichen, zurückwies, dann erst seine Joppe, hierauf dieWeste öffnete, schließlich das Hemd, und sich so den kalten Regen mitVergnügen auf die breite Brust ergießen Heß. Halb erstarrt vor Kälte saßdann wohl neben ihm sein Minister Podewils, der eine zarte Gesundheithatte und nur durch ungewöhnliche Energie des Willens und ausgeprägtesPflichtgefühl seinen schwachen Körper arbeitsfähig erhielt.

Ich wurde im Palais des Freiherrn von Würtzburg untergebracht, einemfeingegliederten Renaissancebau aus der besten Kunstperiode Würzburgs.Baron Würtzburg war das Bild eines fränkischen Edelmanns, der typischeVertreter einer der uralten reichsritterschaftlichen Familien Frankens,deren Wappen im hohen Dom, auf einem vor dem Hauptaltar aufgestelltenSilberschrein vereinigt, vom Glanz des Hochstifts Würzburg Zeugnis ab-legen. In der Bayrischen Ersten Kammer, der er als erbliches Mitglied an-gehörte, trat Baron Würtzburg wiederholt mit Wärme und Überzeugungs-kraft für den Rcichsgedanken ein und bewährte sich auch im Flottenvereinals patriotischer, aber maßvoller und besonnener Politiker. Er sollte derletzte seines Stammes sein. Sein einziger Sohn, Edmund Freiherr vonWürtzburg, fiel als Held schon 1914 bei einer mit besonderer Bravour aus-geführten Patrouille an der Westfront.