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bündnisses mit Preußen bereit erkläre, solle es mit ganz unbeträchtlichenGebietsabtretungen und einer sehr mäßigen Kriegsentschädigung davon-kommen, wurde Herr von der Pfordten, der die Empfindung hatte, nachkurzer Pein im Fegefeuer ins Paradies versetzt zu werden, derartig vonRührung übermannt, daß er seinem großen Gegenüber, der übrigens jahre-lang sein Kollege am Frankfurter Bundestag gewesen war, mit den Wortenum den Hals fiel: „Ich sehe, daß auch Sie ein deutsches Herz haben!"Lächelnd erwiderte Bismarck : „Haben Sie mich denn bisher für einen Boto-kuden gehalten?"
Als kleines Pflaster für das gekränkte dynastische Bewußtsein des altenKönigs Wilhelm wurden dem König von Preußen später im preußisch-bayrischen Friedensvertrag gewisse Ehrenrechte in der Burg von Nürnberg eingeräumt: er durfte dort in einem dem preußischen Königshaus „aufewige Zeiten" eingeräumten Flügel wohnen, auch seine Hausfahne auf-ziehen. Ich erinnere mich nicht, ob Wilhelm I. von diesen Befugnissen jeGebrauch gemacht hat. Wilhelm II. , der auf dergleichen Ehrenrechtehohen Wert legte, kam nie nach Nürnberg , ohne auf der Burg die schwarz-weiße Fahne aufzuziehen und die dort für ihn bestimmten Zimmer zu be-ziehen. Das erfreute nicht gerade das Herz der Wittelsbacher, aber es gingdoch stets ohne jede ernstliche Verstimmung ab. Die deutschen Fürsten fühlten, daß es ihnen nie so gut gegangen war als in dem durch BismarcksPolitik wiedererrichteten Deutschen Reich. In der napoleonischen Zeitwaren manche von ihnen, speziell die süddeutschen Häuser Wittelsbach,Württemberg, Zähringen , rasch avanciert, aber unter der brutalen Faustdes fürchterlichen Korsen war dem deutschen Serenissimus doch nie ganzwohl zumute gewesen. Im Jahre 1848 hatten sie alle für ihre Throne ge-zittert und waren zum Teil nahe daran gewesen, freiwillig zu abdizieren.Erst seit der großen Wende von 1866 bis 1871 fühlten sich die deutschenKönige, Großherzöge, Herzöge und Fürsten in voller, durch den Quader-bau der Reichsverfassung gewährleisteter Sicherheit. Die Genialität desFürsten Bismarck tritt wohl nirgends deutlicher zutage als in der Verfassungdes Norddeutschen Bundes, aus der die Verfassung des Deutschen Reicheswerden sollte, jene Verfassung, die aus seinem genialen Haupte hervorgingwie die Pallas Athene aus dem Haupt des Zeus . Er hat ihre Grundzüge ineiner Nacht des Jahres 1866 an zwei seiner Mitarbeiter diktiert. Der einewar der spätere Oberpräsident, Minister des Innern und MinisterpräsidentBotho Eulenburg , der von der Wiege bis zum Grabe ein konservativgerichteter, dabei durchaus vorurteilsloser und aufgeklärter Typus deshohen preußischen Beamten war, ein an Charakter und an Fähigkeitengleich hervorragender Staatsmann. Der andere war Lothar Bucher ,Steuerverweigerer von 1848, als solcher verurteilt und zur Flucht nach