DIE BLAU-WEISSEN BRIEFMARKEN
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London genötigt, wo er im Exil in nahe Beziehungen zu Karl Marx trat.So wußte Bismarck alle Kräfte dem einen großen Ziel der EinigungDeutschlands und seiner Erhebung zur wirklichen Großmacht dienstbarzu machen. Was in langen Jahrhunderten nicht gelungen war, erreichteBismarck : den Ausgleich zwischen der berechtigten Eigenart der deutschenStämme und Gebiete und der notwendigen Einheit der Nation, zwischen denüberlieferten Traditionen und den unerläßlichen Neuerungen. Er hatte dasschöne Wort des alten Kirchenvaters in die politische Wirklichkeit über-führt: In necessariis unitas, in dubiis übertas. Zu seinem genialen Wurfverhält sich das mühsam zusammengeflickte Elaborat des ProfessorsDr. Hugo Preuß wie in Wagners unvergänglichen „Meistersingern " dasGemecker des Schreibers Beckmesser zu dem himmelanstrebenden Gesangdes Ritters Walter von Stolzing.
Die Fahrt nach Nürnberg legte ich gemeinsam mit den bayrischenMinistern zurück. Der Ministerpräsident Freiherr, später Graf von Crails- Crailsheimheim war der Sohn eines alten fränkischen ritterschaftlichen Geschlechts,ein hochgewachsener, schlanker, sich immer kerzengerade haltender Mannvon vornehmen Manieren und durchaus vornehmer Gesinnung, der besteMinisterpräsident, den Bayern im vergangenen Jahrhundert gehabt hat,und einer der ausgezeichnetsten Männer des neueren Deutschland . Er wardurch und durch reichstreu, aber ebenso sorgsam und gewissenhaft wieüber die nationale Einheit wachte er über die verfassungsmäßigen Rechtedes zweitgrößten deutschen Bundesstaates. Der Staatssekretär des Reichs-postamts, General von Podbielski, der den Kaiser Wilhelm IL, zu dessenFreunden er gehörte, durch einen hübschen Coup erfreuen wollte, kam baldnach seiner Ernennung auf den Gedanken, Bayern zur Aufgabe seinesBriefmarken-Monopols zu bewegen. Er fuhr nach München und wurde vondem Ministerpräsidenten in dessen Arbeitszimmer empfangen mit der diesemeigenen Würde und in etwas reservierter Art, freundlich, aber gemessen.Podbielski, der eine joviale Natur war, selten etwas übernahm und sichfreute, wenn man ihn Pod nannte, ging direkt auf den bayrischen Minister-präsidenten zu, der sich von seinem Arbeitsstuhl erhoben hatte, und meintein seinem jokosen Ton: „Ich möchte als alter Husar gern eine Attacke aufSie reiten. Wie wäre es mit der Aufgabe der blau-weißen Briefmarken ? Siehaben nichts davon, und uns würde es freuen." Ruhig und fest erwiderteCrailsheim : „Ein bayrisches Reservatrecht soll ich aufgeben? Nur übermeine Leiche." Pod zog unverrichteter Sache wieder ab, nahm seinen Abfallaber in keiner Weise tragisch.
Neben Herrn von Crailsheim trat in der damaligen bayrischen Regierungder Finanzminister Riedel hervor, einer der besten Finanzminister, die ich Riedelgekannt habe. Er war ungewöhnlich häßlich, wußte das und scherzte gern