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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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KRIEGSSCHAUSPIELE

Es gibt ein Gedicht von Chamisso, das sich.Vetter Anselme-" nennt unddie Psyche des Strebers und Speichelleckers so glänzend schildert, als obder sinnige Dichter ein Staatsmann oder Minister gewesen wäre, der solchesGewürm um sich zu beobachten Gelegenheit hatte. Fürst Bismarck hatüber die Moral dieses Gedichts tiefsinnige Betrachtungen angestellt:

O Dankbarkeit, du süße Pflicht,Du Himmelslust, du HimmelsUcht!Wie hab' ich dich mir eingeprägt,Wie hahe ich stets dich heilig gehegt!"

So spricht zum Magier Yglano sein demütig bettelnder Vetter Anselmo.So sprach auch Graf Anton Monts zu mir, solange er meiner Unterstützungund Gunst bedurfte. Um an unsere alten Beziehungen zu erinnern und dochDevotion durchblicken zu lassen, begann er seine Briefe, nachdem ich seinVorgesetzter geworden war, gelegentlich auch mitlieber Bülow", fügtedann aber hinzu:Verzeihen Sie, wenn ich auch jetzt noch diese vertrau-liche Anrede gebrauche, weiß ich doch, daß in Ihnen nie der Vorgesetzteden Freund verdrängen wird." Nun folgen einige politische Ausführungen,aber mit dem rührenden Zusatz:Doch Sie wissen ja all dies besser als ichund werden vielleicht da, wo ich nur eine Mauer sehe, mit Ihrem weiterenBlick doch noch einen Ausweg erspäht haben. Meine besten Wünschebegleiten Sie jedenfalls, wie Sie ja auch stets auf meine unbedingte Erge-benheit und Ehrlichkeit rechnen mögen."

Der weitere Verlauf meiner Erinnerungen wird leider zeigen, daß, alsdie Tage meines amtlichen Wirkens sich zu neigen begannen, weder vonder Treue und Anhänglichkeit noch von der Verehrung und Liebe und amallerwenigsten von der Ehrlichkeit etwas zu spüren war, die Monts mir sooft und so feurig beteuert hatte und deren Quintessenz er im Frühjahr 1909in Venedig gegenüber Wilhelm II. in die Worte zusammenfaßte:Ich habenie etwas von Bülow gehalten."

Auf die bayrischen Manöver folgte das Kaisermanöver in Hessen . ZuKaiser- diesem Kriegsschauspiel waren, einer besonderen Einladung des Kaisersfolgend, auch der König und die Königin von Italien erschienen. MancherleiMißstände, die gerade bei den großen Kaisermanövern hervortraten,wurden damals in der Presse, besonders in den BismarckschenHamburgerNachrichten", scharf kritisiert. Man tadelte die Überanstrengung derTruppen zu Paradezwecken. Man kritisierte die nicht kriegsmäßigengroßen Kavallerieattacken. Die militärischen Übungen dürften nicht zuPrunkschaustellungen werden, die von starken Unwahrscheinlichkeitenausgingen und falsche Kriegsbilder vorführten. Die einzelnen Gefechtsaktemüßten kriegsgemäßer, unter besserer Berücksichtigung der Feuerwirkung

manover inHessen