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DER BÜCHMANN
General von Schweinitz. Er hatte sich nach seinem Scheiden von Peters-burg, wo er als Botschafter lange und hervorragend gewirkt hatte, in Kassel zur Ruhe gesetzt. Er lud mich scherzhaft ein, als „aktiver Botschafter undMinister" vor ihm durch die Tür zu gehen. Ich verweigerte das mit demWort des Martial: „Cedo majori." Lachend meinte Schweinitz: „Na,endlich sehe ich wieder einen Menschen, der die alten Schriftsteller kenntund eine gebildete Sprache spricht." Ich kann beschwören, daß ich jenesZitat nicht dem Büchmann verdankte. Ich hatte schon als Gymnasiastdie Neigung oder den Fehler, zu zitieren. Wenn mir ein Gedanke durchden Kopf schoß, liebte ich es, ihm die Form zu lassen, die vor mir eingroßer Schriftsteller oder Dichter gefunden hatte. Während meiner Amts-zeit pflegten mich die Witzblätter häufig mit dem Büchmann in der Handabzubilden, was mir großes Vergnügen bereitete. Den Büchmann selbsthabe ich tatsächlich erst nach meinem Rücktritt in die Hand bekommen,wo ihn mir sein Verleger in schönem Einband und mit einem freundlichenBrief übersandte, in dem er ausführte, daß dieUbersendung des berühmtestenBuches seines Verlages während meiner Amtszeit falsch hätte interpretiertwerden können und deshalb unterblieben wäre. Jetzt aber gestatte sich derVerlag, das Buch zu übersenden, zumal inzwischen auch einige Aussprüchevon mir aufgenommen worden wären.
General von Schweinitz verabredete mit mir ein Rendezvous für dennächsten Tag, wo wir uns ungestört aussprechen könnten. Wir trafen unsdenn auch in dem Garten eines Homburger Hotels in einer schattigen Laubebei einem Glase Moselwein und sprachen eingehend die äußere und innereLage durch. Schweinitz neigte mit seinem Gefühl mehr zu England als zuRußland. Er war schon in früher Jugend in England gewesen, sprach vor-trefflich Englisch und liebte den einzelnen Engländer. Er stimmte mir abervöllig darin bei, daß Rußland auch jetzt noch der Pivot unserer auswärtigenPolitik wäre. Solange wir nicht mit Rußland karambolieren, würde unsFrankreich nicht angreifen und England noch weniger. Kämen wir abermit Rußland in Krieg, so würde sicherlich Frankreich, vielleicht auch Eng-land , losschlagen. Im Laufe unserer Unterredung erwähnte ich eine Äuße-rung des Fürsten Bismarck, der in meinem Beisein, Ende der achtzigerJahre, einmal bemerkt hätte: „In dem russischen Faß gärt und rumort esbedenklich, das könnte einmal zu einer Explosion führen. Am besten für denWeltfrieden wäre es wohl, wenn die Explosion nicht in Europa , sondern inAsien erfolgte. Wir müßten uns dann nur nicht gerade vor das Spundlochstellen, damit der Zapfen nicht uns in den Bauch fährt." Lebhaft griffHerr von Schweinitz dieses Wort des Fürsten Bismarck auf: „Da hat dergrand old man wieder mal recht. Rußland braucht für die in ihm gärendenbösen Säfte ein Derivatif. Früher diente als solches die Balkanhalbinsel ,