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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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GALATAFEL IM KURHAUS

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des Gegners im Ernstfall, unter besserer Terrainbenutzung, aucb ruhigerund langsamer stattfinden. Es käme nicht auf die Bequemlichkeit derfürstlichen und nichtfürstlichen Manövergäste an, sondern auf die Aus-bildung von Offizieren und Mannschaften für den Ernstfall. So insbesonderedas große Hamburger Blatt, das dem Fürsten Bismarck nahestand, dessenTage nun zur Neige gingen, dessen Augen aber noch scharf und besorgtin die Zukunft blickten. In Homburg vor der Höhe, das ein Lieblings-aufcnthalt Kaiser Wilhelms II. war, der während des Deutsch -FranzösischenKrieges als elfjähriger Knabe mit seiner Mutter und seinem Bruder Hein-rich dort längere Zeit geweilt hatte, fand am 4. September 1897 die großeParadetafel statt. Wenn der von Friedrich Rückert besungene Chidher,der ewig junge, Zeit gefunden hätte, auf seiner Fahrt auch einmal dielieblichen Gelände des Taunus zu durchstreifen und dabei den großen Saaldes Kurhauses von Homburg zu betreten, so würde er, der diesen Saalgekannt hatte mit grün überzogenen langen und breiten Tischen, mit demeintönigen Surren der rollenden Roulettekugel und mit dem monotonendreifachen Ruf des Croupiers:Faites votre jeu, messieurs! Le jeu est fait!Rien ne va plus!", in demselben Kasinosaal die kaiserliche Galatafelerblickt haben, an deren Längsseite drei Königinnen saßen: die KöniginMargherita von Italien , die Kaiserin und Königin Friedrich und dieregierende deutsche Kaiserin Auguste Viktoria. Mein Platz war den Köni-ginnen gegenüber, und der Kaiser fragte mich bei Tisch scherzend, ob ichschon einmal vis-ä-vis von drei Königinnen gesessen hätte, was ich ver-neinte. Welcher von diesen drei Fürstinnen war im Leben das unglücklichsteLos beschieden ? Der Kaiserin Friedrich , die den edelsten Gemahl verlorenhatte und damit die Möglichkeit, die hochfliegenden Pläne und Gedankenauszuführen, mit denen sie sich für den Fall seiner Regierung während vielerJahre getragen hatte ? Oder der Königin Margherita, der man wenige Jahrespäter ihren ritterlichen Gatten als blutüberströmte Leiche in das Schloßzu Monza tragen sollte, in denselben Saal, in dem sie sich eine Stunde vorhervon König Humbert getrennt hatte ? Oder war es der regierenden deutschenKaiserin bestimmt, die unglücklichste der drei Frauen zu werden, sie, die21 Jahre später die Niederlage des Vaterlandes und die Flucht ihres Gattenerleben und dann in der Fremde langsam und qualvoll sterben sollte?

Denn das Herz wird mir schwer in der Fürsten Palästen,Wenn ich herab vom Gipfel des GlücksStürzen sehe die Höchsten, die BestenIn der Schnelle des Augenblicks!"

Nach Aufhebung der Tafel begegnete ich vor einer der geöffnetenFlügeltüren meinem alten und verehrten Chef aus St. Petersburg , dem

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