MEHR DORNEN ALS ROSEN
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die Grenzen des guten Geschmacks, trug die Farben zu stark auf und vergabseiner eigenen Würde und damit der Würde der Kaiserkrone. Wenn er demPrinzen Ludwig von Bayern, der ihm einen Besuch abstatten wollte, selbstden Wagenschlag öffnete, wenn er den Expräsidenten Roosevelt am Toredes königlichen, altehrwürdigen Berliner Schlosses empfing und ihn ineigener Person in das für ihn bestimmte Appartement geleitete, so waren dasÜbertreibungen. Dazu kam, daß Wilhelm IL nicht selten dieselben Persön-lichkeiten, denen er allzu stürmisch gehuldigt hatte, nicht lange nachher ineinem Anfall von schlechter Laune oder von mehr oder weniger berechtigterEmpfindlichkeit vor den Kopf stoßen konnte. Das Endergebnis war,daß er am Schluß seiner Regierung gerade unter den Fürsten , seinenKollegen, wie er sie scherzhaft zu nennen liebte, keinen einzigen wirklichenFreund besaß, daß er allen auf die Nerven ging, daß sie ihn alle im Grundenicht mochten. „Juvenile consilium, latens odium, privatum commodum,haec tria omnia regna perdiderunt", so sprach zu den sein Sterbebett um-stehenden Großen seines Reichs der Ungarnkönig Mathias Corvinus , dersiegreich gegen die Türken, Polen und Böhmen gekämpft, Schlesien ,Mähren und die Lausitz erobert und in Wien residiert hatte. Er hatte so-gar, was ich ihm noch höher anrechne, denn ich bin ein passionierter Bücher-liebhaber, in Ofen eine der reichhaltigsten Bibliotheken der Welt errichtet,die berühmte Corvina. Die treffliche Sentenz des Ungarnkönigs hat KaiserWilhelm II. leider in allen drei Richtungen verletzt. In jugendlicher Un-besonnenheit, mit juvenile consilium, hatte er den Fürsten Bismarck , ummit dessen eigenen bitteren Worten zu sprechen, fortgejagt wie einen un-ehrlichen Bedienten. Den an vielen Orten, in vielen Ländern, bei vielenMenschen gegen ihn angesammelten Haß, das latens odium, sah er nicht.Und er war endlich subjektiv in einem Grade, wie er mir sonst nur beiVirtuosen vorgekommen ist.
Was jenen Homburger Toast auf die Königin Margherita angeht, so wardiese kaiserliche Huldigung an und für sich wohl berechtigt. Die an Geistund Charakter gleich bedeutende, durch Anmut wie durch Würde hervor-ragende Königin Margherita war in der Tat eine echte Tochter des HausesSavoyen, das viele tapfere Ritter und staatskluge Regenten, das manchestolze Königin, das auch von der Kirche zu Heiligen erhobene Frauenhervorgebracht hat. Wenn nach Shakespeare König Lear „every inch aking" war, so konnte von der Gemahlin des Königs Humbert gesagt wer-den, daß sie jeder Zoll eine Königin war. In einer Unterredung, die sie inHomburg vor der Höhe mit mir führte, hatte ich geäußert, daß die mir inBerlin bevorstehende Aufgabe im Gegensatz zu meiner Tätigkeit im Pal-lazzo Caffarelli mehr Dornen als Rosen böte. Mit Bezug hierauf über-sandte mir die Königin am nächsten Tage einige in deutscher Sprache