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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EIN BILLETT

geschriebene Worte, die ich folgen lasse, weil sie charakteristisch sind fürihren hohen Sinn, ihren Geist und ihren Charme:

Pflücke mutig die Rosen! Gott hat sie dir gegeben, um dir das Herzund die Gedanken durch die Pracht ihrer Farben und den süßen Geruchihrer Blätter zu erfreuen! Und lasse dich nicht durch ihre Dornen er-schrecken! Die Freude, die dir im Leben jede kleine, scheinbar vielleichtauch unansehnliche Rose bringen kann, ist hunderttausend Dornen-stiche wert. Denn der Schmerz der Dornenstiche ist bald geheilt undvergessen, der süße Duft der Rose, selbst wenn sie schon lange verwelktist, bleibt noch für lange Zeit, vielleicht für dein ganzes Leben in deinerErinnerung, und der Gedanke daran kann dir noch die Seele erhellen.Viele Leute verderben sich das Leben, weil sie aus feiger Angst vor denDornen die Rosen, die die Engel Gottes auf ihre Straße gepflanzt haben,nicht pflücken! Wehe ihnen! Das sind die wirklich Unglücklichen dieserErde. Denn sie sind unglücklich, weil sie es sein wollen!

Homburg, 9. Settembre 1897.

Margherita."

Als Antwort auf den schwungvollen Toast des Kaisers verlas in Homburg König an jenem 4. September 1897 König Humbert eine offenbar von seinemHumbert Minister des Äußeren aufgesetzte, nicht originelle, eher banale, aber ver-antwortet ständige und ruhige Rede. Der König sprach die Stellen der Rede, die seineFreundschaft für den Kaiser und seine Bewunderung für das deutscheHeer zum Ausdruck brachten, mit Bewegung und Schwung. Am Tage nachder Galatafel unternahm das deutsche Kaiserpaar mit den italienischenMajestäten und deren Gefolge von Homburg aus eine mehrstündige Rund-fahrt. Unser Weg führte über Ursel, Kronberg, Königstein, Höchst undFrankfurt zurück nach Homburg .

Ich hatte den italienischen Minister des Äußeren gebeten, in meinemWagen Platz zu nehmen. Der Marchese Visconti-Venosta war keineexpansive Natur. Deutschland und allem Deutschen stand er kühl gegen-über, kühl bis ans Herz hinan. Er war Mailänder, und in dieser großen Stadt,die im alten römischen Reich die Roma secunda hieß, waren starke fran-zösische Sympathien lebendig geblieben, seitdem der General Bonaparte,wenige Tage nachdem er, die Trikolore in der Hand, die Addabrücke beiLodi erstürmt hatte, in Mailand eingezogen war, bestrahlt von der auf-gehenden Sonne seines ungeheuren Ruhms. Die damalige Begeisterungder Mailänder für die Franzosen hat Stendhal in seinem MeisterromanLa Chartreuse de Parme " geschildert. Sechzig Jahre später, nach Magentaund Solferino, stieg der Enthusiasmus für Frankreich noch einmal so hoch,