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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER RESERVIERTE MARCHESE

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daß Mailand beschloß, dem Neffen des großen Korsen, Napoleon III. , einReiterdenkmal vor dem herrlichen Dom zu errichten, den ein Deutscher,Meister Heinrich Arier von Gmünd , erbaute. Doch mit des GeschickesMächten ist nun einmal selten ein längerer Bund zu flechten. Als Napo-leon III. , elf Jahre nach Magenta, bei Sedan die Schlacht und mit ihr seineKrone verlor, war sein Monument gerade fertig geworden. Es kam nie zurAufstellung und steht, wenn ich mich nicht irre, noch heute in einemMailänder Schuppen.

Aber trotz aller Discrimina rerum blieben die Sympathien fürFrankreich in Mailand lebendig. Emilio Visconti-Venosta hat sich nievon ihnen befreit. In jener Zeit, wo er noch republikanischen An-schauungen huldigte, hatte er als Privatsekretär von Mazzini mehr als ein-mal in geheimem Auftrag des großen Verschwörers Paris besucht. AlsMinister erschien er mehrfach am Tuilerienhof, während Napoleon III. unddie Kaiserin Eugenie dort residierten. Nach Paris zog es ihn noch, alsItalien sich dem Dreibund zuwandte. Nur ungern und unter dem Einflußdes damaligen Ministerpräsidenten Marco Minghetti begleitete Visconti alsMinister des Äußeren 1873 den König Viktor Emanuel II. nach Berlin , woer dem Fürsten Bismarck durch seine allzu reservierte Art ebenso mißfiel,wie ihm der freimütige, bei aller Klugheit durch und durch loyale und edleMinghetti gefiel.

Unsere Taunus -Fahrt führte Visconti und mich im September 1897 aufden besten Chausseen der Welt, die unsere an schlechtere Landstraßengewöhnten italienischen Gäste in Erstaunen setzten, durch freundliche,reiche Dörfer, vorüber an reizenden Villen, an saftigen Wiesen, an langenReihen prächtiger Obstbäume. Wie ein Garten war das Land zu schauen.Ich konnte beobachten, wie die anfängliche Gleichgültigkeit des italieni-schen Ministers mehr und mehr in Erstaunen, ja in Bewunderung überging.Que ce pays est beau, qu' il est riche! Quel bien-etre! Comme tout est bientenu! Quel ordre, quelle proprete. Tout respire le travail, le bien-etre. Ah,vous etes un grand pays, un pays bien gouverne." Ich selbst hatte meineerste Jugend in dieser Gegend verlebt. Auch ich war erstaunt über die in-zwischen gemachten Fortschritte. Um so erstaunter, als ich, seit ich vonFrankfurt und dem Taunus schied, die größere Hälfte meines Lebens imAusland verbracht hatte. Wie schön war damals Deutschland ! In meinemInnern erklangen die Worte, die in der ersten Blüte- und Glanzzeit desdeutschen Volkes, in der Hohenstaufenzeit, unser Walther von der Vogel-weide gesungen hatte, daß kein Land über Deutschland gehe. Und wie hattesich unter preußischer Verwaltung Frankfurt entwickelt! Aus dem gemüt-lichen und behaglichen, aber doch ein wenig krähwinkligen Frankfurt derBundestags- und Biedermeierzeit war eine der reichsten, lebendigsten,