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DAS ÄRGERNIS VON OREN
prächtigsten Städte in Europa geworden. Hier fühlte man, was deutsche Arbeit zu leisten imstande war.
„Das war die deutsche Treue,Das war der deutsche Fleiß,Der sonder Wank und ReueSein Werk zu treiben weiß."
Hier verstand man, was deutsche Kultur bedeutete, diese deutscheKultur, die durch Ruhmredigkeit und Taktlosigkeit von unserer Seite, nochmehr durch die Perfidie und Gehässigkeit unserer Feinde als „culture alle-mande avec un K" seitdem außerhalb unserer Grenzen in Verruf geratenist. Auf jener Fahrt 1897, long, long ago, empfand ich so recht, daß Kulturfür uns Deutsche wirklich von „colere" kommt, daß unsere Kultur imGrunde Bebauen, Bestellen, Bearbeiten eines Ackers bedeutet, das Be-bauen und Bestellen mit unermüdhchem Fleiß, die Pflege der Bäume undPflanzen, schließlich eines ganzen Landes und davon aufsteigend alles dessen,was das geistige Leben umfaßt, Religion und Philosophie, Wissenschaft undKunst. Wie ein verlorenes Paradies Hegt das Deutschland jener Tage vorden Augen des trauervoll in die schönere Vergangenheit Zurückblickenden.
Wie konnten wir von solcher Höhe so tief sinken? Woran gingenwir zugrunde? Mit der Kapuzinerpredigt in Wallensteins Lager müssenwir einräumen: „Das Ärgernis kam von oben." Wilhelm II. besaß alsMensch viele, sehr viele sympathische, interessante, schöne und guteZüge. Es fehlten ihm aber zu unserem und zu seinem eigenen Unheil geradediejenigen Eigenschaften, die den erfolgreichen Regenten ausmachen. Infrüheren Jahrhunderten sind manche „Fürstenspiegel " geschrieben wor-den, die das Muster eines Fürsten schilderten und alle Eigenschaften, dieein guter Fürst haben müsse. An Wilhelm II. lassen sich leider viele derFehler und Schwächen nachweisen, die ein Fürst vermeiden muß, wennseine Regierung erfolgreich verlaufen, wenn er wie Wilhelm I. beim Schei-den mit Befriedigung auf seine Regierung zurückblicken, mit Ruhe demUrteil der Geschichte entgegenblicken, wenn er das Recht haben soll, wieder sterbende Augustus seinen Freunden zuzurufen: Plaudite amici, beneegi actum vitae.
Während ich mit dem Kaiser dem hessischen Manöver beiwohnte, über-Wilhelm II. sandte mir Philipp Eulenburg die Abschrift eines Briefes, den Kaiseran Phili Wilhelm nach der Rückkehr von Peterhof an ihn gerichtet hatte. Obwohlich den Kaiser seit Jahren kannte und nun seit Monaten Gelegen-heit gehabt hatte, ihn noch näher kennenzulernen, war ich von diesemBrief entsetzt. Welche Übertreibungen! Welche Illusionen! Welche bedenk-liche Art, Menschen und Dinge so zu sehen, wie man sie im Affekt sehen