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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER WITTELSBACHER IM MIETSWAGEN

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Natur mit besonders vollkommenen Zerstörungswerkzeugen ausgerüstethat. Diese Insekten leben unterirdisch, errichten feste Bauten aus Ton,nähren sich von Holz und bringen es durch eine in ihrer Art erstaunlicheTechnik fertig, das stärkste Holzwerk auf der Oberfläche zu zerstören. Siebilden förmliche Staaten und gehen in allem mit System und Methode vor.Setzen wir an die Stelle von Holzwerk Größe, Macht und Wohlfahrt desReichs, so ist die Analogie vollkommen. An der Spitze eine unberechenbarePersönlichkeit, in der Tiefe der zähe Wille der Zerstörer. Gewiß, noch wardas Verhängnis in keiner Weise unabwendbar. Es war vor allem klar, daßkeine Wühlarbeit den noch immer starken Oberbau zum Einsturz bringenkonnte, solange wir mit Würde, aber auch mit Einsicht, Voraussicht undUmsicht, natürlich auch mit der erforderlichen Geschicklichkeit, den Kriegvermieden. Nur ein Krieg, und zwar ein für uns unglücklicher Krieg, ver-mochte in Deutschland den Umsturz herbeizuführen und dadurch derSozialdemokratie in den Sattel zu helfen. Das hatte Bebel gemeint, als erauf einem internationalen sozialistischen Kongreß den französischen Ge-nossen zurief, daß sie ihre Republik dem deutschen Siege bei Sedan ver-dankten, und hinzufügte: Übrigens hätte die deutsche Sozialdemokratienichts dagegen, wenn die französischen Genossen ihnen auf gleiche Weise zurdeutschen Republik verhülfen. Kein französischer, kein englischer, keinitalienischer Sozialist hat je so gesprochen. Aber der deutschen Sozial-demokratie hatte Karl Marx die Vaterlandslosigkeit, die Gleichgültigkeit,ja den Haß gegen vaterländische Gesichtspunkte, Traditionen und Gefühlein die Wiege gelegt.

Während der Homburger Tage wurde mir der Vorzug zuteil, mir dasVertrauen und das gnädige Wohlwollen des Prinzen Ludwig von Bayern, Prinz Ludwigdes nachmaligen Königs Ludwig III., zu erwerben. Bei einer zufälligen von Bayern Begegnung am ersten Tage fand ich den hohen Herrn sehr verstimmt,beinahe gereizt. Als ich mich nach der Ursache dieses fürstlichen Miß-vergnügens erkundigte, wurde mir die Antwort:Soll ich vergnügt drein-schauen, wo der gleichzeitig mit mir hier anwesende russische Großfürst ineinem königlichen Wagen fährt, mit einem königlich preußischen Kutscher,der am Hut die Adlerborte trägt! Ich aber, ein bayrischer Prinz, fahre ineinem Frankfurter Mietswagen, und mein Kutscher trägt an einem drek-kigen Zylinder eine große Nummer." Ich entgegnete sofort, es könne sichnur um ein beklagenswertes Mißverständnis handeln. Ein Wort von miran den stets korrekten und liebenswürdigen Ober-Hof- und HausmarschallGrafen August Eulenburg würde genügen, um Seiner KönigHchen HoheitSatisfaktion zu geben. Am nächsten Morgen begrüßte mich der Prinz mitden Worten: ,,Es ist alles in schönster Ordnung, ich werde Ihnen das nichtvergessen." Glückliche Zeiten, wo die deutschen Prinzen und Fürsten keine