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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER STREIT UM DEN ELSASS

anderen Sorgen und Nöte hatten! Der nachmalige König Ludwig III. istmir stets ein freundlicher Gönner gewesen und auch nach meinem Rück-tritt geblieben. Er zeigte mir das schon in Homburg , indem er sich, wennwir abends beim Kaiser zusammentrafen, mit mir über sein Lieblings-thema unterhielt, die stolze Vergangenheit seines Hauses, das ja auch in derTat eines der ältesten und ruhmvollsten Fürstengeschlechter ist.SehenSie", setzte er mir auseinander,ich könnte König von Italien sein, dennwir stammen in direkter Linie von König Berengar ab, dem Sohn KönigEberhards von Friaul und Enkel Kaiser Ludwigs des Frommen, der nachKarls des Dicken Tode 888 zum König von Italien erhoben und gekrönt,leider aber 924 ermordet wurde. Es ist mir übrigens ganz Heb, daß ich nichtKönig von Italien bin", fuhr der hohe Herr scherzend fort,denn zwischenden Ansprüchen des italienischen Volks auf Rom als Capitale di Regnound meiner Ehrfurcht vor dem Heiligen Vater käme ich in eine mißbcheLage. Ich stamme aber auch von den Stuarts ab, und jedes Jahr erhalte ichvon englischen Jakobiten ein Huldigungstelegramm zu meinem Geburtstag.Aber darum keine Kriegserklärung an die Dynastie Hannover-Koburg!Daß mein Haus in Schweden und von Schweden aus in Polen regiert hat,wissen Sie. Die österreichischen Niederlande, das heißt Belgien , sind uns1786 wenigstens angeboten worden. Wir haben aber auch prächtige Länderverloren: ich komme nie nach Ludwigshafen , ohne daran zu denken, daßMannheim einst meinem Hause gehörte, und ohne in der Ferne nach Heidel-berg auszuschauen, wo wir residiert haben. Nun, wie Gott will."

Aus solcher Denk- und noch mehr Gefühlsweise gingen während desWeltkriegs die Aspirationen des Königs von Bayern auf das Elsaß hervor; ersoll sogar an eine Personal-Union zwischen Bayern und Belgien gedachthaben, da er sich für besonders geeignet hielt, letzteres uns zu assimilieren.Ludwig III. war durchaus nicht der einzige deutsche Fürst, der sich zuvergrößern wünschte. Kaum hatte Bayern seine Ansprüche auf das Elsaß angemeldet, als Sachsen alsKompensation" wenigstens Mülhausen, Thann und Altkirch verlangte, Württemberg nach Mömpelgard (Montbeliard ) mitder Begründung schielte, daß diese Grafschaft bis zum Beginn des 19. Jahr-hunderts dem Hause Württemberg gehört hätte. Nur Baden war saturiertund wünschte, daß Elsaß Reichsland bleibe. Vergrößerungstrieb und Län-dergier waren allen deutschen Fürsten und Dynastien seit Jahrhunderteneigen und flackerten kurz vor ihrem Zusammenbruch noch einmal auf,nicht nur im Westen, sondern auch im Osten, wo Kurland, Finnland ,Litauen die Begierden reizten.

Während Kaiser Wilhelm sich weiter den Manöverübungen widmete,Szögyenyi- kehrte ich nach Berlin zurück. Es erschien mir wünschenswert, mit denMarich d or t akkreditierten Botschaftern persönliche Fühlung zu nehmen, öster-