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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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ECARTS DE LANGAGE

deutschen zu fördern. Es wäre manches anders gekommen, wenn GrafSzögyenyi statt des Prinzen Gottfried Hohenlohe während des Weltkriegsder Vertreter Österreich-Ungarns in Berlin gewesen wäre. Szögyenyis kleineEigenheiten schadeten niemandem. Er war eifrig, und seine Besuche dau-erten meist eine bis zwei Stunden. Er war wißbegierig, und wenn er beimReichskanzler und dem Staatssekretär des Äußeren vorgesprochen hatte,versäumte er selten, zum Schluß die vortragenden Räte der politischenAbteilung aufzusuchen, um auch sie auszufragen. He was very inquisitive.Er hatte auch die kleine Marotte, jeden Bleistift, den er sah, einzustecken,was zu manchen Neckereien und Scherzen Anlaß gab. Alles in allem einloyaler und einsichtiger Mittelsmann zwischen den beiden Zentralmächten.Der italienische Botschafter Graf Lanza war wie Graf Szögyenyi einGraf Lanza vornehm denkender Mann von erprobter Zuverlässigkeit. Er war von Hauseaus Soldat, langjähriger Adjutant des Königs Viktor Emanuel II. und desKönigs Humbert. Er war während Jahren italienischer Militärattache inWien gewesen, war dort freundlich aufgenommen worden und schon deshalbbemüht, nach Möglichkeit auf eine Besserung der italienisch-österreichischenBeziehungen hinzuwirken. In der deutsch -italienischen Allianz sah er Fun-dament und Angelpunkt der italienischen Politik. Lanza verehrte undliebte Kaiser Wilhelm IL , der dieses Gefühl erwiderte und Lanza sehr frühden Schwarzen Adlerorden verlieh, ihn aber später nach der Ermordungdes Königs Humbert durch seine Antipathie gegen die Königin Elena oftin Sorge, bisweilen in Verzweiflung versetzte, zumal sich diese Abneigungnur allzu oft in unvorsichtigen Redewendungen Luft machte. Wenn ver-ständige und dem Kaiser Wilhelm II. wirklich ergebene Männer solcheEcarts de langage" beklagten, so pflegte der Historiograph Kaiser Wil-helms IL, Professor Theodor Schiemann , den in der Kunst, dem Monarchenzu schmeicheln, nur Adolf von Harnack übertraf, darauf hinzuweisen, daßsich auch Friedrich der Große bisweilen maliziöse Äußerungen über dieKaiserin Maria Theresia, die Kaiserin Elisabeth von Rußland und dieMarquise Pompadour erlaubt habe, was nicht verhindert hätte, daß diesedrei Damen in allegorischer Reproduktion über dem Neuen Palais inPotsdam die siegreiche preußische Krone hochhielten. Das ,,si duo faciuntidem, non est idem" des Terenz bleibt aber nun einmal eine unbestreitbareWahrheit.

Die freundlichsten und ältesten Beziehungen verbanden mich mit demSir Frank englischen Botschafter Sir Frank Lascelles . Wir waren viele Jahre hindurchLascelles Kollegen in Bukarest gewesen und hatten Tag für Tag gemeinsam dieChaussee", die Avenue des Champs-Elysees der rumänischen Hauptstadt,durchwandelt. Sir Frank war ein schöner Typus der englischen Rasse, derman politisch so oder so gegenüberstehen kann, deren sehr große und sehr