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gute Eigenschaften aber nur Voreingenommenheit und Ungerechtigkeitbestreiten können und denen sich gerade der Deutsche nicht verschließensollte, wäre es nach dem furchtbarsten aller Kriege auch nur nach demrömischen Grundsatz: Disce ab hoste.
Der damalige russische Botschafter in Berlin , Graf Nikolaj Dimitri-jewitsch von der Osten-Sacken, verkörperte in sich die Qualitäten, welche Osten-Sackendie alte russische Diplomatie auszeichneten. Er sprach und schrieb aus-gezeichnet Französisch und konnte so viel Deutsch, um zu verstehen, wasin seiner Gegenwart auf Deutsch geäußert wurde, und auf diese Weisemanches Interessante aufzuschnappen, zumal er grundsätzlich so tat, alsob ihm die deutsche Sprache verschlossen wäre. Er verband die bestenFormen, ein würdiges Auftreten und eine unbedingte Korrektheit mit nichtwenig Schlauheit. Seine Lieblingsanekdote war die von der berühmtenAnsprache, die der Fürst von Talleyrand, das Vorbild aller Diplomaten der„guten alten Zeit", an seinen Nachfolger richtete, als er von Napoleon I. seines Amtes enthoben worden war. „Mon eher Duc", sprach der Fürst derDiplomaten zu dem neuen Minister, dem Duc de Bassano , „je vous presentele personnel du ministere, tous gens de merite et surtout, gräce ä moi, nulle-ment zeles. II y a peut-etre parmi eux quelques jeunes attaches qui, encachetant une lettre, executent cette Operation delicate avec un peu tropde preeipitation. Mais j'espere que vous les corrigerez de ce leger defaut."
Graf Osten-Sacken war längere Zeit Gesandter in München gewesenwährend der Regierung des Königs Ludwig II. Dieser unglückliche Monarchhatte unter anderen Eigenheiten auch die, daß ihm Empfänge in hohemGrade zuwider waren, und namentlich das Empfangen von Diplomaten.So hatte er auch längere Zeit den russischen Gesandten in München nichtempfangen. Durch einen Zufall hatte Alexander III. dies vernommen. Derstämmige Zar hielt ohnehin von den kleinen Höfen nicht viel. Zum Ent-setzen der Königin Olga von Griechenland , seiner Kusine, der Tochter desGroßfürsten Konstantin Nikolaj ewitsch, hatte er einmal vor ihr mit einemFaustschlag auf den Tisch geäußert: „Tous ces petits rois de droite et degauche ne me disent absolument rien." Da sein Gesandter in München denKönig von Bayern nie zu sehen bekam, so beschloß er, diesen völlig un-nötigen Posten eingehen zu lassen. Darob große Aufregung in München ,wo man hohes Gewicht auf ein möglichst vollzähliges und glanzvolles Korpsausländischer Diplomaten legte, an dessen Spitze der Nuntius mit Bot-schafterrang prangte.
Auch der spanische Botschafter in Berlin gehörte, wenn auch nur imNebenamte, zum Münchener Diplomatischen Korps und wurde, wenn ereinmal jährlich seinen Zeremonialbesuch in der bayrischen Metropole ab-stattete, mit Würde und Wichtigkeit empfangen. Es ist sehr charakteristisch
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