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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EIN SALONDIPLOMAT

für die vorsichtige und den Traditionen, selbst den kleinlichen Traditionenund Eitelkeiten deutscher Höfe Rechnung tragende Politik des FürstenBismarck, daß er eine diplomatische Aktion in St. Petersburg unternahm,um die Aufrechterhaltung des russischen Gesandtenpostens in München durchzusetzen. Diese Aktion wurde insofern schlecht belohnt, als die rus-sische Mission in München sich 1914 bei Ausbruch des Krieges durch ihredeutschfeindhchen Umtriebe übel bemerkbar machte. Sollte dies demFürsten Bismarck im Elysium vorgehalten worden sein, so wird er aller-dings vermutlich geantwortet haben, daß es mit ihm und unter ihm über-haupt nicht zum Weltkrieg gekommen wäre.

Graf Osten-Sacken war, als ich die Geschäfte des Auswärtigen Amts inBerlin übernahm, schon nahe der Grenze der siebziger Jahre. Er hattenoch lebhafte Erinnerungen an die Regierung des Kaisers Nikolaus I. ,dessen Günstling sein Vater gewesen war, ein ausgezeichneter General derKavallerie, der sich in den Kriegen gegen die Türkei , im polnischen Feld-zug und auch noch im Krimkrieg hervorgetan hatte. Sein Großonkel,Fabian Wilhelmowitsch von Osten-Sacken, war Fürst und russischer Feld-marschall geworden, hatte sich in allen türkischen, polnischen und fran-zösischen Kriegen ausgezeichnet und 1813 an der Katzbach den rechtenFlügel des Blücherschen Heeres befehligt. Von diesem Kriegshelden hatteder russische Botschafter in Berlin nicht viel. Er war ganz Salondiplomat.Der Unterschied zwischen unserer Auffassungsweise und der altrussischenMentalität wurde mir nie klarer, als wie mir der Botschafter Osten-Sackengelegentlich aus seiner Jugend nachstehenden kleinen Zug erzählte. Erhabe einen älteren Bruder gehabt, der ein zarter Knabe war. KaiserNikolaus I., der den Kleinen zufällig bei dessen Vater bemerkt hatte, habeletzterem gesagt, er bestimme den Jungen für das Kadettenkorps oder diePagerie. Der Vater bat, davon abzusehen, da sein Söhnchen kränklichwäre, der Autokrat bestand aber auf seinem Willen.Natürlich", fuhrGraf Osten-Sacken fort,starb mein Bruder nach wenigen Wochen. Undnun denken Sie sich, wie herzensgut, wie rührend der Kaiser Nikolaus war!Um meinen Vater zu trösten und auch um ihn für seinen Gehorsam zubelohnen, folgte er zu Fuß dem Sarg meines Brüderchens."