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antiamerikanischen Sinne äußere. Die Königin-Regentin von Spanien ,übrigens eine vortreffliche Frau und tüchtige Regentin, war die Tochterdes Erzherzogs Karl Ferdinand von Österreich, eine Nichte des ErzherzogsAlbrecht, des Siegers von Custozza , und eine Schwester der ErzherzögeKarl Stefan und Eugen, die von allen österreichischen Erzherzögen demDeutschen Kaiser die sympathischsten waren.
Während des türkisch -griechischen Zusammenstoßes, der sich vor meinerÜbernahme der auswärtigen Geschäfte abgespielt hatte, stand der Kaiservöllig auf der Seite des Halbmonds. Auch hier waren persönliche Stim-mungen für ihn entscheidend, die bei seinem Naturell nun einmal meistdie Oberhand gewannen. Ich habe kaum eine beweglichere, sensiblereNatur gekannt als die Wilhelms II., der, da er sich jedem Eindruck hingab,imstande war, an einem Tag zwei- bis dreimal seine Ansichten zu wechseln.Aber auf der anderen Seite ist mir kaum jemand vorgekommen, dessenWesen in seinen Grundzügen so konstant war. In den Grundlinien seinesCharakters dürfte, wie ich meine, Wilhelm II. in Haus Doorn heute unge-fähr derselbe sein, der er war, als er 1897 nach der schweren Niederlage dervon dem Kronprinzen Konstantin von Griechenland geführten Hellenenin Thessalien ein Telegramm an seine mit Passion griechisch gesinnteMutter richtete, damit sie die „Blamage" ihres Schwiegersohnes und seinerHopliten baldmöglichst erführe. Es haben sich in Wilhelm II. so vielegetäuscht, und es ist selbst das scharfbhckende Auge des Fürsten Bismarckin sein Wesen nicht ganz eingedrungen, weil meist nicht erkannt wurde,daß er nur nach persönlichen Stimmungen handelte. Er war 1897 anti-griechisch, weil er damit seine Frau Mutter ärgern wollte, die er im Grundefür ihren Geist, für ihre Bildung und auch für die Hartnäckigkeit in ihremCharakter bewunderte, die er sogar in gewissen Momenten liebte, jedenfallsweit mehr Hebte als sie ihn, zu der er sich jedoch in stetem Gegensatzbefand.
Viele haben nie die jähe und in ihrer unbesonnenen und unvernünftigenDurchführung für das Land und für ihn selbst so verderbliche Schwenkungbegriffen, die Wilhelm II. nicht lange nach seinem Regierungsantritt gegen-über dem großen Kanzler seines Großvaters vornahm, den er noch währendder neunundneunzig Tage als den Fahnenträger des Reichs in dithyram-bischen Wendungen gefeiert hatte, um ihn bald nachher als unbotmäßigenRebellen zu behandeln, zu schmähen und zu bedrohen. Die Quelle seinerBegeisterung für Bismarck während seiner Prinzenzeit war weniger eigeneEinsicht gewesen als der Wunsch, sich dadurch in Gegensatz zu seinenEltern und namentlich zu seiner Mutter zu stellen. Er wußte, daß er siedamit ärgern würde. Sobald Wilhelm II. auf dem Thron saß, wurde ihmBismarck als Mentor oder, wie er sich im Gespräch mit seinem Intimus