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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER KAISER, BISMARCK UND RICHARD WAGNER

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Phili Eulenburg ausdrückte,als Hauslehrer, wenn nicht Hausmeier" baldlästig. Mit einem anderen großen Genie, mit Richard Wagner , ging es nichtviel anders. Die Frau Kronprinzessin besaß kein Verständnis für den ge-waltigen Meister von Bayreuth . Sie liebte nun einmal die zahme Musik vonHändel und Mendelssohn und verhinderte leider ihren Gemahl, dem Geniusvon Wagner zu huldigen. Ohne seine Frau würde Kaiser Friedrich durchseine Liebe für alles echt Deutsche, für das Romantische, für die großenErinnerungen der Nation, wie sie ausLohengrin", aus denMeistersin-gern", aus demTannhäuser", aus demRing des Nibelungen " sprechen,sonst gewiß nach Bayreuth geführt worden sein. Als seit der Thronbestei-gung Wilhelms II. der Gegensatz zur Mutter nur noch innerlich fortbestand,kühlte sich die Bewunderung Seiner Majestät für Wagner erheblich undallmählich ganz ab. Als Kaiser Keß er das Trompeterkorps seines in Bam-berg stationierten bayrischen Ulanenregiments noch einmal, übrigens zumEntsetzen des weihevollen Hauses Wahnfried , lärmende Fanfaren an derGruft des Meisters blasen, ging aber selbst nicht mehr nach Bayreuth ,Hebte auch Bayreuth nicht mehr und ließ schließlich mit absichtlicherOpposition gegen Bayreuth an den Königlichen Theatern von Berlin undWiesbaden mit Vorliebe Auber, Lortzing und ähnliche Komponisten auf-führen. Nicht zu reden von denHugenotten" Meyerbeers, die Wilhelm II. auch einmal in Begeisterung versetzten und die mit großem Aufwand auf-geführt werden mußten. Dem Komponisten der OperZar und Zimmer-mann", dem biederen Albert Lortzing , wurde auf Allerhöchsten Befehl sogarein Marmordenkmal im Tiergarten errichtet.

Ich gab, als ich wieder in Berlin weilte, die Direktive aus, gegenüber demsich verschärfenden spanisch-amerikanischen Zwist Neutralität und große In BudapestReserve zu beobachten, gegenüber dem Residuum des türkisch -griechischenKrieges, der kretischen Frage, völlige Indifferenz an den Tag zu legen.

Kaiser Wilhelm hatte mir schon bei meiner ersten Berufung nach Kiel gesagt, er wünsche, daß ich ihn wie nach Peterhof so auch nach Budapestbegleite, wo er sich für die Herbstmanöver zum Besuch angesagt hatte.Ich traf am 18. September 1897 beim Kaiser ein, der mit seinem Gefolge inder Burg, dem hochgelegenen Schlosse des Königs von Ungarn in Ofen,abgestiegen war, wo angeblich schon Attila nach der ersten Besitzergreifungvon Pannonien durch die Magyaren, derprima occupatio", wie es in demalten ungarischen Kurialstil hieß, residiert hatte. Aus den Fenstern ge-nossen wir eine schöne Aussicht auf das herrlich emporstrebende Pest und diemajestätische Donau . Prächtige Kais schlössen das Strombett des größtendeutschen Stromes ein, den mächtige Brücken überspannten. Die berühm-teste von ihnen lag gerade unter unseren Blicken, die Kettenbrücke, wo1848 der von Kossuth aufgehetzte Pöbel den Generalkommandanten