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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER RUHELIEBENDE ZAR

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erzwungen hatte. Nachdem briefliche Andeutungen keinen Erfolg gehabthatten, entsandte Wilhelm II. ohne vorherige Rücksprache mit mir seinenAdjutanten Scholl, der von Geburt Hesse war, nach Darmstadt , der dortden Großherzog so lange bearbeitete, bis dieser sich bewegen ließ, seiner-seits auf den Zaren zu drücken, und so endlich am 20. Oktober der Zar inWiesbaden erschien. Ich erbbckte ihn nur wenige Augenblicke vor und nachdem Luncheon. Er sah gelangweilt aus und lächelte mir halb verlegen, halbwehmütig zu. Mit derartigen erzwungenen Begegnungen, denen schoneinige ähnliche vorausgegangen waren und dann später noch manche anderefolgen sollten, wurde natürlich nur das Gegenteil von dem gewünschtenErfolge erreicht. Das hatte Fürst Bismarck schon früh erkannt. Als ihmWilhelm IL, nicht lange nach seiner Thronbesteigung, nach einem BesuchAlexanders III. in Berlin triumphierend mitteilte, er sei vom Zaren zu denrussischen Manövern in Narwa eingeladen, schwieg der Kanzler. Als Wil-helm II. verstimmt und ungnädig frug, weshalb der Fürst ihm zu seinemErfolge" nicht gratubere, antwortete dieser, er glaube nicht, daß die An-wesenheit seines Allergnädigsten Herrn bei den russischen Truppenübungendem russischen Herrscher wirklich angenehm sein würde. Der Fürst hattein der Sache völlig recht: Alexander III. war schweigsam, Wilhelm II. red-selig; Alexander III. ritt nur Schritt, Wilhelm II. flotten Galopp. Schondeshalb war der letztere dem ersteren gerade bei einem Manöver durchausunerwünscht, und die Teilnahme des Kaisers Wilhelm II. an den Narwa -Manövern, zu der es nach dem Sturz des Fürsten Bismarck trotz dessenernster Warnung doch kam, hat nicht zu einer Verbesserung, sondern zueiner Verschlechterung der Beziehungen zwischen den beiden Herrscherngeführt. Der Widerspruch des Fürsten Bismarck in dieser Angelegenheitaber hat zu der Entfremdung zwischen ihm und Wilhelm II. nicht unwesent-lich beigetragen.

Der Zarenbesuch in Wiesbaden hatte im gleichen Monat Oktober 1897noch ein Nachspiel. Es gab keine verehrungswürdigeren Fürsthchkeitenals den Großherzog Friedrich und die Großherzogin Luise von Baden. Erwar recht eigentlich ein Typus, und ein schöner Typus, des populärendeutschen Regenten mit fürstlicher Erscheinung, mildem Herzen, gemüt-voller Beredsamkeit und darüber hinaus vorbildlicher Pflichttreue undGewissenhaftigkeit im Großen und im Kleinen. Die Großherzogin Luisemußte jedem Deutschen als einzige Tochter unseres alten Kaisers wie alsSchwester des Kaisers Friedrich teuer und beb sein, und sie verdiente auchdiese Liebe durch ihren hohen Sinn, ihre unermüdliche Fürsorge für alleLeidenden und Hilfsbedürftigen, ihre feine Bildung. Das badische groß-herzogliche Paar gehörte darin ganz dem alten Regime an, daß es sehrkorrekt war. Der Gedanke, daß das russische Kaiserpaar in Deutschland ,