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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE ABWEISUNG DER BADISCHEN HERRSCHAFTEN

noch dazu nicht weit von Karlsruhe weilte, ohne sich mit dem großherzog-lichen Paar zu begegnen, war dem Großherzog Friedrich und der Groß-herzogin Luise gleich unerträglich. Dazu kam die Verwandtschaft zwischenbeiden Höfen. Nachdem einige leise und vorsichtige Sondierungen desKarlsruher Hofes bei dem Hof in Darmstadt erfolglos gebheben waren,beschlossen die badischen Herrschaften, direkt nach Darmstadt zu fahren,wo sie sich am Abend vor ihrer Abreise anmeldeten. Auf diese Anmeldungerfolgte in zwölfter Stunde aus Darmstadt die Antwort, der Zar habe schonüber die Tage bis zu seiner Abreise von Darmstadt verfügt und könne diegroßherzoglichen Herrschaften nicht empfangen. Das verkündete der Hof-bericht derKarlsruher Zeitung" am nächsten Tage der erstaunten Welt.In Deutschland war man über diese Abweisung des edlen Fürstenpaars sitt-lich entrüstet und an und für sich gewiß mit Recht. Kaiser Nikolaus aberäußerte in Darmstadt, es sei unerträglich, daß er nicht nach Deutschland kommen könne,sans etre embete".

Während ich an der Seite des Kaisers in Wiesbaden weilte, erfolgte amBülow 20. Oktober 1897 meine Ernennung zum Staatsminister und Staatssekretärdefinitiv (j es Äußern. Mein Nachfolger in Rom wurde der bisherige Botschafter inernannt j£ ons t an tj n0 p e l ? von Saurma, an dessen Stelle in Konstantinopel FreiherrMarschall von Biberstein trat, der dort ein weites Feld für seine großeArbeitskraft und seinen nicht minder großen Ehrgeiz finden sollte. Zumeiner endgültigen Ernennung zum Staatssekretär des Äußern schriebmir der damalige Botschafter in Madrid, Herr von Radowitz, der michvierundzwanzig Jahre früher in Berhn in die Geschäfte eingeführt hatteund unter dem ich siebzehn Jahre vorher an der Pariser Botschaft tätigwar:Ich kann es in Ihre Seelen hinein verstehen, wie ungern Sie undIhre Frau den Wechsel zwischen Rom und Berlin vollzogen haben. Abergerade darum sind wir Ihnen alle Dank schuldig, daß Sie das Opfer Ihrespersönlichen Wohlbefindens nicht gescheut haben, um die Last und dieVerantwortung der Berliner Aufgabe zu übernehmen. Vor vierundzwanzigJahren, im Spätherbst 1873, kam ich aus Varzin nach Berlin zurück mitdem Endbericht an den Kaiser über die Ernennung Ihres Herrn Vaterszum Staatssekretär. Am 8. Oktober übernahm er die Geschäfte, über dieich ihm in den ersten Tagen Vortrag zu halten hatte. Am 15. Oktober kamdann auch der Kanzler, und als er mit Ihrem Vater die erste Besprechunggehabt hatte, sagte er mir: ,Herr von Bülow sitzt ja schon in allem so fest,als sei er seit zehn Jahren Staatssekretär.' Jetzt, wo Sie nach einem Vier-teljahrhundert der Nachfolger Ihres unvergeßlichen Vaters werden, wirdauch die Erinnerung an die Zeit lebendig, mit der sein Name verknüpftbleibt und deren Tradition, dessen bin ich sicher, in Ihren Händen festgewahrt ist. Die Verhältnisse, die Menschen, die Aufgaben haben sich