CÄSARENTHEATER
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geändert, und neue Ziele sind gesteckt. Aber der Geist und die vornehmeMethode, die früher die Leitung des Auswärtigen Amtes gekennzeichnethaben, werden immer die besten bleiben."
Wiesbaden und Homburg waren dem Kaiser auch deshalb besonderslieb, weil sie ihm die Möglichkeit zu häufigen Besuchen der Saalburg boten. Die Saalburg Dieses römische Grenzkastell im Taunus war im 2. und 3. Jahrhundertnach Christus der Standort der zweiten Kohorte der Räther gewesen, denender ehrenvolle Beiname „cives Romani" verliehen worden war. In denrückwärtigen Standquartieren waren die VIII. und die XXIII. Legionuntergebracht gewesen, einschließlich mehrerer Kohorten von Hilfstruppen.Schon in meiner Kindheit, in den fünfziger Jahren, wurde dort „gebuddelt",wie man es nannte. Seit den siebziger Jahren wurden unter der Leitung destrefflichen Baurats Jacobi, des späteren Direktors des Saalburgmuseumsin Homburg v. d. Höhe, planmäßige Ausgrabungsarbeiten vorgenommen,für die sich Wilhelm II. auf das lebhafteste interessierte. Die Geschichteder römischen Kaiser übte eine starke Anziehungskraft auf ihn aus. DerSubjektivität seines Wesens entsprechend war er überzeugt, daß eine Ver-herrlichung der römischen Kaiser günstig auf die Stellung jetzt regierenderMonarchen einwirken müsse. Er war der Ansicht, daß die Lehrerschaft zusehr geneigt wäre, die Helden der römischen Republik, Marcus Porcius Cato und Marcus Junius Brutus, die Brüder Tiberius und Gajus Gracchus, aufKosten der Imperatoren zu verherrlichen. Dem sollte durch möglichsteHervorhebung der Verdienste der römischen Kaiser entgegengewirkt wer-den. Denn die großen Männer des republikanischen Rom erschienen Wil-helm II. nun einmal im Lichte neuzeitlicher Freisinniger oder gar als fluch-würdige Attentäter. Einige Tage vor meiner Ankunft in Wiesbaden hatteder Kaiser in der Saalburg , gewissermaßen als Ouvertüre für die nunbeginnenden Restaurationsarbeiten großen Stils, mit der Wiesbadener Theatertruppe, die zu diesem Zweck, Schauspieler und Statisten, in alt-römische Kostüme gesteckt wurde und als Legionäre und Liktoren,Centurionen und Präfekten figurierte, ein Huldigungsfest veranstaltenlassen, bei dem die Vertreter des alten, seit fast zweitausend Jahren imMeer der Ewigkeit versunkenen Römischen Reichs dem Beherrscher desneuen und mächtigen Deutschen Reichs ihre Verehrung bezeigen sollten.Die Theatralik dieser Veranstaltung hatte sogar ältere Hofdamen entsetzt.
Solche kleine Episoden zogen rasch vorüber und durften sich nur nichtzu sehr häufen. Ernster war dagegen, daß der Kaiser in seiner plötzlicherwachten Vorliebe für die Cäsaren des alten Rom auf den Gedankenverfiel, den geschichtlichen Unterricht der Gymnasien auf diese seine Vor-liebe einstellen zu lassen. Er hatte schon früher dem Kultusminister Bosse,einem hervorragend gewissenhaften, tüchtigen und verdienten Beamten,