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EIN ENTHUSIASMUS, DER SCHMILZT
sagen lassen, im Unterricht sollten viel mehr als bisher Größe und Verdiensteder römischen Kaiser gewürdigt werden. Dr. Bosse, der selbstverständlichdagegen war, bat mich um meine Unterstützung, die ich ihm, obwohl dieAngelegenheit damals außerhalb meiner Kompetenz lag, doch gern ge-währte. Ich legte, und zwar auf einem Ausflug nach der Saalburg, demKaiser eingehend dar, daß unter den römischen Kaisern alles in allem diebösen die guten überwögen. Kein Reglement könne die Lehrer ver-hindern, ihre Schüler auf die Scheußlichkeiten von Domitian und Cara-calla, auf die Minderwertigkeit von "Vitellius und Marcus Salvius Othohinzuweisen, noch das halb oder ganz verrückte Scheusal Nero zu brandmar-ken. Dagegen kämen selbst Titus und Trajan schwer auf. Die gebildete Weltbetrachte nun einmal die römische Kaisergeschichte mit den Augen einesder größten, der eindruckvollsten Historiker aller Zeiten, des durch Kraftwie durch Tiefe des Geistes gleich hervorragenden Cornelius Tacitus , ausdem noch heute zu uns die Tugenden sprächen, die das republikanischeRom groß gemacht hätten. Der Kaiser brummte ein wenig, dann ließ erden Gegenstand fallen und ist später nicht wieder darauf zurückgekommen.Dagegen blieb in seinem guten Gedächtnis für lange Jahre haften, was ichihm auf der Saalburg als letztes und herrliches Wort des Kaisers SeptimiusSeverus erzählte, der sterbend für seine Legionen als Losung ausgab:Laboremus!
Was das französische Sprichwort von den Tagen sagt, qu'ils se suiventmais ne se ressemblent pas, galt auch von den Stimmungen des Kaisers Wil-helm II. Sein Enthusiasmus für die Cäsaren schmolz wie Schnee an derSonne, als er ein Jahr später unter den Einfluß von Houston StewartChamberlain geriet, dessen Werk über die „Grundlagen des 19. Jahrhun-derts" ihn so gepackt hatte, daß er jeden Abend daraus der Kaiserin undihren Hofdamen vorlas, von denen bei dieser ernsten und schweren Lektüredie eine oder andere einzuschlafen pflegte. Damit soll nichts gegen denedlen Idealisten gesagt werden, der aus selbstloser Liebe zum deutschenWesen, das ihm in und durch Bayreuth erschlossen worden war, aus einemEngländer zu einem Deutschen wurde, und ebenso wenig gegen sein be-deutendes Buch. Mit der Begeisterung Seiner Majestät für die römischenKaiser verschwand glücklicherweise auch die Neigung, störend in denGymnasialunterricht und insbesondere in die Pflege der klassischen Spra-chen einzugreifen. Es kam eine Zeit, wo den humanistischen Lehranstaltenweit ernstere Gefahren drohen sollten von Seiten einer Partei, die, schonweil ihre materialistische Geschichtsauffassung nur wirtschaftliche Triebefür das Leben der Völker gelten läßt, eine Gegnerin der auf die alten Spra-chen und die Ideenwelt der Antike begründeten humanistischen Bildungsein muß und damit echter und wahrer Kultur. Es ist zu besorgen, daß die