WILHELM IL UND SEIN VATER
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Preisgabe der allgemeinen Wehrpflicht, die uns im Versailler Frieden auf-gezwungen wurde, auf die körperliche Haltung und die äußeren Formendes Deutschen nicht grade günstig einwirken wird. Je mehr andererseitsdie klassischen Sprachen aus dem Lehrplan unserer Schulen ausgeschaltetund die humanistischen Lehranstalten eingeschränkt werden, je näherrückt die Gefahr, daß der Deutsche, dem einst Goethe und Schopenhauer ,Wilhelm Humboldt und Friedrich Hölderlin die Fackel vorantrugen,geistig zum Banausen und Böotier wird. Ob für solchen Niedergang unsererBildung sozialdemokratische Politik und Verwaltung einen ausreichendenErsatz gewähren werden?
Am Tage meiner Ernennung zum Staatsminister und Staatssekretärder auswärtigen Angelegenheiten fand in Wiesbaden die Enthüllung eines Ein Kaiser-Denkmals für Kaiser Friedrich statt. Wilhelm II. interessierte sich für Friedrich-Denkmäler seines Vaters nicht besonders lebhaft. An die neunundneunzig ßc "' cm0 'Tage wie an die qualvolle Krankheit des Vaters dachte er ungern zurück.Er wünschte, daß sein Vater nur als „der Kronprinz" in der Geschichteund in den Augen seines Volkes fortleben sollte. Er selbst faßte sich als dendirekten Nachfolger und Vollender seines Großvaters auf. Was Wilhelm I. für die Armee geleistet hatte, wollte er für die Marine vollbringen. WennWilhelm I. die Einigung Deutschlands geglückt war, so wollte er deutscheSeegeltung und damit deutsche Weltstellung begründen. Allerdings mitder Einschränkung und mit dem wesentlichen Unterschiede, daß er sichnicht, wie dies (nach seiner völlig irrigen Auffassung) seinem Großvaterwiderfahren sei, den eigenen Buhm durch Minister oder Kanzler, Generaleund Admirale verdunkeln lassen wollte. Die Begierung Kaiser Friedrichssollte nur ein Intermezzo sein, als „Kronprinz" aber durfte er gefeiertwerden.
Huldigungen für Kaiser Friedrich als den Sieger von Weißenburg undWörth, noch besser als den Beschützer der Wissenschaften und derKünste, stand, sofern sie keine taktlose Spitze gegen den Sohn trugen,Wilhelm II. nicht so ablehnend gegenüber wie allem, was zur Verherr-lichung des Fürsten Bismarck dienen sollte. Lucanus, obwohl persönlichvon Groll gegen Bismarck erfüllt, weil ihn dieser nach seinem Sturz alsden Überbringer der seidenen Schnur persönlich, und in der Tat mitUnrecht, schlecht behandelt hatte, bedauerte doch aus Gründen derStaatsräson, daß Wilhelm II. den an der Errichtung von Bismarck -Monumenten und Bismarck-Türmen als Künstler, Komiteemitglieder oderSpender beteiligten Personen grundsätzlich keine Auszeichnung gewährte,während auf alle, die sich bei der Errichtung von Denkmälern für Wilhelm I. herandrängten, Orden und Allerhöchste Photographien sich ergossen. Das1901 errichtete Berliner Bismarck-Denkmal vor dem Beichstag ließ der