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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DAS HAMBURGER BISMARCK-DENKMAL

Kaiser allenfalls gelten, denn es war unter seinen Augen und nach seinenWünschen entstanden. Die nonchalante Haltung des großen Mannes, derfür militärische Augen beinahe saloppe Anzug stellten den Fürsten so dar,wie er, soweit es vom Kaiser abhing, der Nation erscheinen sollte: als derschneidige Junker, der dem Reichstag den Rücken zuwendet, der mitVolksvertretungen umzuspringen weiß und Volksvertretern gegenüber dierichtige Tonart kennt. Welch ein Unterschied mit der würdigen, feierlichen,verklärten Haltung des ebenfalls nach den Wünschen und Winken SeinerMajestät und auch von Reinhold Begas schon 1897 ausgeführten, großenDenkmals des alten Kaisers in Berlin , der als Sieger in das ehrwürdigeSchloß seiner Väter zurückkehrt, geleitet von der Viktoria. Ganz anti-pathisch war Kaiser Wilhelm II. das herrliche Bismarck-Denkmal , das sichüber den Hamburger Hafen auf der Elbhöhe erhebt. Der Kaiser kannte diesDenkmal nur aus Abbildungen, die er in illustrierten Zeitungen erblickthatte. Das hatte aber genügt, um ihm das Meisterwerk von Lederer soerscheinen zu lassen, wie er nicht wünschte, daß der erste Kanzler vor demdeutschen Volk stünde: als die Verkörperung deutscher Kraft und deutschenWesens, als der Genius des deutschen Volkes, als die gewaltige Figur, dieden Schiffern, den Reisenden, die aus der Ferne elbaufwärts in den Ham-burger Hafen und in die Heimat zurückkehren, an Roland und Siegfried,an den Cherusker, an Karl den Großen und an Barbarossa, an Wotanselbst, an die ganz oder fast mythischen Gestalten der deutschen Sage undGeschichte erinnert. Wilhelm II. hat dieses Denkmal niemals besichtigenwollen und dahin gehende Bitten des sonst von ihm sehr geschätztenHamburger Bürgermeisters Burchard immer wieder abgelehnt. Als es beieiner gemeinsamen Fahrt durch Hamburg dem Bürgermeister einmalgelang, den Kaiser, ohne daß dieser es merkte, auf das Heilige-Geist-Feld,ganz in die Nähe des Bismarck-Denkmals zu bringen, und er dann denKaiser auf dieses hinwies, wandte Wilhelm II. starr das Gesicht nach derentgegengesetzten Seite und sah erst dann wieder freundlich in die Welt,als das Bismarck-Denkmal hinter ihm lag.

Die Festrede bei der Einweihung des Wiesbadener Monuments fürKaiser Friedrich hielt der Theaterintendant von Wiesbaden, Georgvon Hülsen . Er und sein Bruder Dietrich, damals Flügeladjutant, späterGeneraladjutant und Chef des Mihtärkabinetts, haben unter der RegierungWilhelms II. eine große Rolle gespielt. Sie waren Söhne des langjährigenTheaterintendanten unter Wilhelm I. , des 1886 verstorbenen Botho vonHülsen, der die Bete noire der Wagnerianer war, weil er als ein Gegnerder Wagnerschen Musik galt und in der Tat nur selten und ungern Wagner-sche Opern aufführte. Das war gewiß nicht zu loben, aber es darf nichtübersehen werden, wie verständnislos in den fünfziger und sechziger Jahren