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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE BRÜDER HÜLSEN

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des vorigen Jahrhunderts die weitesten Kreise und gerade Berliner Kreisedem unsterblichen Genius von Wagner gegenüberstanden. Wer heute dieArtikel best, mit denen fast die gesamte Berliner Musikkritik denTann-häuser", denLohengrin",Tristan und Isolde " begrüßte, der wird mitFaust ausrufen:

Mich dünkt, ich hör' ein ganzes ChorVon hunderttausend Narren sprechen."

Botho von Hülsen und seine Gemahlin, eine geborene Gräfin Haeseler,waren nicht nur in der Künstlerwelt beliebt und geachtet, sondern führtenin den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhundertsin Berlin ein Haus, an das sich alle gern erinnern werden, die Bildung, Geistund Liebenswürdigkeit zu schätzen wissen. Der zweite Sohn dieses gast-freundbchen Ehepaars, Graf Georg von Hülsen-Haeseler , trat in die Fuß-tapfen seines Vaters und wurde, nachdem er mehrere Jahre als Intendantin Wiesbaden gewirkt hatte, 1903 Generalintendant in Berbn, was er biszur Novemberrevolution blieb. Es wurde über ihn gewitzelt, er mag auchder Vorliebe des Kaisers für mittelmäßige Musik ä la Meyerbeer, Lortzingund Auber zu sehr nachgegeben haben, aber er war doch ein Mann vonGeist und Herz. Bedeutender war sein Bruder, Graf Dietrich von Hülsen-Haeseler, von 1894 bis 1899 Militärattache in Wien , 1899 bis 1901 Chef desStabes des Gardekorps , seit 1901 Chef des Militärkabinetts. Er war einMann, der in humorvoller Form er drückte sich gern in unverfälschtemBerliner Dialekt aus sehr treffende Bemerkungen machte, freimütiggegenüber dem Kaiser, voll von gesundem Menschenverstand, dabei vonnobler Gesinnung. Daß er, gerade während der Novembertage, am 14. No-vember 1908 in Donaueschingen vom Schlage gerührt plötzlich starb, warein schwerer Verlust für Wilhelm IL, dem er vor und in dem Weltkriegsehr gefehlt hat.

Der 18. Oktober, jedem guten Preußen und vaterländisch gesinntenDeutschen doppelt heilig als Jahrestag der Völkerschlacht von Leipzig Lauff -wie als Geburtstag des Kaisers Friedrich, sollte 1897 in Wiesbaden durch P remueine Festvorstellung im Königlichen Theater gefeiert werden. Gegebenwurde auf Allerhöchsten BefehlDer Burggraf" von Joseph Lauff . Ichglaube nicht, daß jemals über die Bretter irgendeiner deutschen Bühneein Stück gegangen ist, das so wenig selbst den bescheidensten Ansprüchengenügte, die auch das bescheidene Publikum einer bescheidenen Kleinstadtan ein Theaterstück zu stellen gewöhnt und berechtigt ist. In einem Lande,das unsterbliche Meisterwerke der größten Dichter, eines Goethe und Schil-ler, eines Lessing und Kleist und Hebbel sein eigen nennt, durfte dem Publi-kum ein solches Stück nicht geboten werden. Ich saß in einer Parterreloge