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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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PHILIPP EULENBURG SEUFZT

mit Lucanus und Philipp Eulenburg . Ich verhehlte beiden Herren meineEindrücke nicht.In diesem großen und schönen Theatersaal", sagte ichihnen,ist, wie wir alle drei wissen, außer dem Kaiser kein Mensch, derdieses Stück nicht abgeschmackt und albern fände. Und der Kaiser klatschtbegeistert Beifall! Ich finde das unheimlich." Lucanus lächelte in seinernüchternen Art.Natürlich haben Eure Exzellenz ganz recht. Aber dasPublikum jubelt, wenn es den Kaiser sieht und die Fanfarenklänge hört, dieihn ankündigen, das Stück ist dem Publikum völlig gleichgültig. Und wasSeine Majestät angeht, so ist es besser, er treibt solche kindlichen Spiele, alswenn er Eurer Exzellenz in Ihre Politik hineinpfuscht." Eulenburg meinteseufzend:Und während hier solche Schmarren aufgeführt werden, willmein geliebter Kaiser nicht den Befehl geben, daß mein wundervollesDrama ,Der Seestern', das schon vor Jahren mit dem größten Beifall auf-geführt wurde, endlich wieder auf den Spielplan gesetzt wird." Im Foyerirrte der Dichter Joseph Lauff umher, der als Lohn für sein Stück denCharakter als Major erhalten hatte und Glückwünsche zu dieser Auszeich-nung entgegennahm. DerBurggraf" wurde in Wiesbaden nur gegeben,solange der Hof dort weilte. Später wurde er auch in Berlin im KönigbchenSchauspielhaus in Szene gesetzt, an zwei Tagen mit Hofansage, durchwelche die Hofgesellschaft zum Besuch desBurggrafen" genötigt wurde.Sobald die Hofansage wegfiel, fanden sich keine Besucher mehr ein, undderBurggraf" verschwand in jenen Orkus, in dem die kläglichen Schattendramatischer Fehlgeburten umherirren.

Das Seitenstück zum Dramatiker Lauff war der Maler HermannKnackfuß , mit Palette und Pinsel ein ebenso großer oder vielmehr kleinerStümper wie Lauff auf dem Pegasus. Ich glaube, daß wenig Dinge Wil-helm II. bei dem gebildeten Teil des deutschen Volkes mehr geschadet habenals seine einseitige, oft blinde, fast immer unduldsame Stellungnahme zukünstlerischen Fragen, die nun einmal dem Deutschen seit jeher ernst amHerzen liegen, als die kaiserliche Vorliebe für Maler, die sich auf die Her-stellung kolorierter Bilderbogen hätten beschränken sollen, deren jämmer-liche Produkte aber nie und nimmer in die Königbchen Museen und Gale-rien gehörten, für Dichter, die keine der neun Musen je auf die Stirn küßte.Nachdem ich mit Seiner Majestät über diesen Gegenstand schon einigeAuseinandersetzungen gehabt hatte, die deshalb unerquicklich waren, weilder Kaiser jede Einmischung in seine persönlichen Liebhabereien begreif-licherweise übler nahm als Widerspruch in poHtischen Fragen, mußte ichim November 1908 wiederum darauf hinweisen, daß die allmählich immerhöher gestiegene Flut gegen das persönliche Regiment nicht zum geringstenTeil auf das autokratische Eingreifen in rein hterarische und ästhetische An-gelegenheiten zurückzuführen wäre. NamentHch der Fall Tschudi und die