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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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FÜRST HOHENLOHE, DIE FÜRSTIN, FRAU VON H. 179

genau das Kunstwerk. Dann bemerkte er mit der ganzen Ruhe eines römi-schen Prälaten:Questo basso-rilievo e fatto con molto giudizio!"

Ich fand den Fürsten Hohenlohe präokkupiert durch die zum Teilallerdings sehr exzentrischen Reden, die Wilhelm II. im Laufe des Sommersgehalten hatte und denen nicht lange nachher die gleichfalls recht wunder-liche Rekrutenansprache vom 18. November folgen sollte. Der alte Fürst,dem offenbar wieder fatale Erinnerungen an Ludwig IL von Rayern auf-stiegen, frag mich, ob ich den Kaiser wirklich für geistig normal hielte. Icherwiderte meinerseits wiederum mit voller Uberzeugung und gutem Ge-wissen, daß der Kaiser sehr impulsiv wäre, recht unvorsichtig, leider ofttaktlos, daß er verwöhnt sei, weil es ihm, Gott sei Dank, bisher immer gutgegangen wäre, daß er schon als junger Mensch zu Renommistereien ge-neigt habe, daß er, um zu renommieren oder um ein unbequemes Geständ-nis zu vermeiden, um sich aus einer peinlichen Lage herauszuziehen, es oftnicht genau mit der Wahrheit nehme aber geisteskrank sei er sicherlichnicht. Zwischen ihm und Ludwig II. bestände gar keine Ähnlichkeit.

Im Schlosse zu Schillingsfürst hatte sich nicht allzu lange vor meinemBesuch eine häusliche Szene abgespielt, die für den Fürsten und für dieFürstin gleich charakteristisch war. Die Fürstin war für einige Zeit verreistgewesen. Beim Fürsten weilte, um ihm die Strohwitwerzeit zu versüßen,eine ihm trotz seines hohen Alters intim befreundete Dame, Frau von H.Beide saßen traulich vereint, als die Fürstin Hohenlohe angemeldet wurde.Frau von H. wollte fliehen; der Fürst, ohne einen Augenblick seine ge-wohnte Ruhe zu verlieren, hieß sie bleiben. Die Fürstin trat herein, derFürst machte die beiden Damen miteinander bekannt. Nun machte Frauvon H. einen neuen Versuch, das Zimmer zu verlassen. Die Fürstin aberrief ihr freundlich zu:Nicht doch, meine Beste! Qui va ä la chasse, perd saplace. Chlodwig ist ein Schmetterling, hat man ihn einmal, so muß manihn festhalten." Fürst Chlodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst nähertesich damals den achtziger Jahren. In der späten Nachmittagsstunde desTages vor meiner Abreise von Schillingsfürst führten mich der Fürst unddie Fürstin zu ihrer Grabkapelle. Ich befand mich zwanzig oder dreißigSchritte hinter ihnen. In der klaren Herbstluft, umweht von dem scharfenOstwind, der über die fränkischen Hügel und Täler strich, blickte das altegebrechliche Paar auf die Gruft, die sie beide so bald aufnehmen sollte. Sosehe ich das Bild der beiden, denen ich viele Jahre meines Lebens nahe-gestanden habe, noch heute vor mir.

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